Vivien, Joselia und all die anderen Huren sind für den Gerichtsprozess gegen den früheren VW-Personalvorstand Peter Hartz deshalb so wichtig, weil sie gar nicht vor dem Landgericht Braunschweig auftreten müssen, um die gewünschte Wirkung zu entfalten. In der 63-seitigen Anklageschrift sind sie mit keinem Wort erwähnt. Das hat so manchen Journalisten arg enttäuscht, haben doch erst die Bordellgeschichten dem Wirtschaftskrimi rund um den Volkswagen-Konzern eine spezielle Würze verliehen.

Vivien und Joselia werden sich trotzdem in die Gedanken des Angeklagten schleichen, wenn am kommenden Mittwoch der Prozess beginnt. Sie sind die Drohkulisse für Peter Hartz. Vor ihrem Auftritt hat er so viel Angst, dass er wohl alles tun würde, um ihnen zu entgehen vielleicht sogar alles zugeben, was er weiß. So lautet jedenfalls die Rechnung der Braunschweiger Staatsanwälte, die mit Hartz und seinem Saarbrücker Verteidiger Egon Müller einen Deal verabredet haben, ein Geschäft mit der Angst. " Wir lassen keine Prostituierten aufmarschieren", sagt die Braunschweiger Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff, "und im Gegenzug führt Hartz sein Geständnis über die Sonderbonuszahlungen genau aus." Mehrere Tausend Euro, fanden die Ermittler heraus, seien aus der Firmenkasse für Prostituierte ausgegeben worden. Viel mehr, fast zwei Millionen Euro Sonderboni, habe Hartz dem früheren Chef des Betriebsrates gezahlt.

"Ein paar Tausend Euro tausche ich gegen zwei Millionen", sagt die Staatsanwältin.

Peter Hartz wurden Extrawünsche erfüllt Verdacht auf Untreue und Begünstigung eines Mitglieds des Betriebsrates lautet die Anklage. Ohne sachlichen Grund habe Hartz den früheren Chef des VW-Betriebsrates, Klaus Volkert, über Jahre mit Sonderbonuszahlungen verwöhnt. Geldverschwendung zum Schaden des Unternehmens. Hartz habe Volkert auch den Wunsch erfüllt, dessen frühere Geliebte aus Brasilien mit Honoraren zu beglücken. 400000 Euro. Um Zahlen mit vielen Nullen wird es gehen, nicht um Huren. Die Frauen, die Hartz überaus peinlich sind, wurden aus der Anklage herausgehalten. Ein Mann, dem schon immer vieles recht gemacht wurde, soll noch im Gerichtssaal einen Extrawunsch erfüllt bekommen: keine Huren als Zeugen. Überhaupt keine Zeugen, auch keine Sachverständigen.

Ein beschleunigter Prozess, nur zwei Verhandlungstage sind vorgesehen.

Am 25. Januar könnte alles vorbei sein.

Peter Hartz war ein Mann der Extrawünsche. Extrahuren wurden für ihn beschafft, extra separat, unter das lechzende Rudel der VW-Manager mischte er sich nie. Seinem Ruf als Einzelgänger blieb er sogar auf Reisen treu, die inzwischen Lustreisen heißen. Warum sich die Staatsanwälte so sicher sind, dass sich Hartz in dem Prozess an seinen Teil der Verabredung halten und weitreichende Fehler beim Ausgeben von Konzerngeld einräumen wird, versteht man erst, wenn man ein paar Monate zurückblickt. Im vergangenen Oktober saß ein 65-jähriger, akkurat gekleideter Mann in einem Zimmer des Justizgebäudes an der Turnierstraße in Braunschweig und ließ sich von Staatsanwälten und Kriminalbeamten befragen. Die Vernehmung des Beschuldigten Hartz.