Ein neues Jahr! Es "beginnt fast zahnlos", findet die 85-jährige Ilse Aichinger. Allerdings wird es "rasch gezähmt, wie die Wildschweine zu Hausschweinen". Woche für Woche hat sie in kleinen Texten aus dem Wiener Kaffeehaus Jelinek diese widerspenstige Zähmung protokolliert.

Stets im regen Zitatkontakt mit ihrem Geistesverwandten, dem anarchischen französischen Pessimisten Cioran, schreibt sie über Kellner (solche mit und solche ohne "Subtext"), über Szenen ihrer Kindheit, über ihren verstorbenen Sohn, den Schriftsteller Clemens Eich, und natürlich über Wien und seine besondere "Schattierung von Charme". Einem Charme, der sich ganz in der Tradition österreichischer Todesverfallenheit vorzugsweise auf dem Friedhof entfaltet: "Am Ende steht naturgemäß nicht der Sinn, sondern das Bestattungsinstitut Perikles".

Ilse Aichinger: Subtexte Edition Korrespondenzen, Wien 2006 - 72 S., 16, Sarah Kirsch kehrt in diesem kleinen Prosatext zurück in die Kindheit.

Das beginnt so: "Ich bin 1935 im Pfarrhaus zu Limlingerode geboren worden, in einem südländisch anmutenden Fachwerkbau auf einer Anhöhe am Rand des Waldes." In einem solchen Satz steckt schon das halbe Leben, der ländliche Protestantismus, das alte Kleinstadtdeutschland, die NS-Kindheit, die deutsche Waldeinsamkeit und alles, was sie dem deutschen Pfarrhaus und der deutschen Dichtung bedeutet hat. Es geht um Eltern, Lehrer, Freunde und Bombennächte, alles im Kirsch-Ton erzählt, beherzt und ironisch. Der Auftakt zu einer großen Autobiografie, die sie unbedingt schreiben sollte.

Sarah Kirsch: Kuckuckslichtnelken Steidl Verlag, Göttingen 2006 - 110 S., 12,