DIE ZEIT: Sie sagten kürzlich: »Das Unternehmen Irak ist gescheitert.« Was lief schief? Ex-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski BILD

Zbigniew Brzezinski: Nicht bloß die Umsetzung der Politik – die, wie wir wissen, falsch und kurzsichtig war – ist schiefgegangen. Dem Scheitern liegt eine Fehlinterpretation dessen zugrunde, was im Mittleren Osten geschieht und was Amerikas Rolle dort sein sollte.

ZEIT: Sie meinen, Amerika habe eine Grenze überschritten?

Brzezinski: Amerika ist unabsichtlich in die Rolle einer verspäteten Kolonialmacht geraten. Und zwar in einer Region, die eben erst vom Kolonialismus befreit wurde und noch immer von immensen antikolonialen Aufwallungen in Kombination mit religiösen Leidenschaften geprägt ist. Obwohl das niemand so vorgehabt hat, nimmt Amerika es nun auf sich, Englands einstige Rolle nachzuspielen. Die Vereinigten Staaten sind nicht mehr die Macht, die als Befreier von der anglofranzösischen Vorherrschaft Mitte der vierziger Jahre willkommen geheißen wurde.

ZEIT: In Washington wird den Irakern vielfach eine Teilschuld gegeben. Sie tun das nicht. Warum nicht?

Brzezinski: Den Iraker wird angelastet, nicht fähig zu sein, Ordnung in jenes Chaos zu bringen, das die Vereinigten Staaten angerichtet haben. Das Problem wird dadurch vergrößert, dass gerade jene irakischen Führer verantwortlich gemacht werden, die wir selbst ausgewählt haben, weil ihre Ansichten vergleichbar mit unseren eigenen sind. Wir haben jene authentischere irakische Führung marginalisiert, die – mit Ausnahme der Kurden – tendenziell theokratisch ist.

ZEIT: Aber es hat doch im Irak freie Wahlen gegeben, oder nicht?