Das Telefon klingelte am Nachmittag. Der Berliner Professor glaubte zu wissen, wer in der Leitung war. Schließlich hatte er den Anruf mit seinem Münchner Kollegen vereinbart. Er hatte sich nicht getäuscht. "Alles reibungslos gelaufen", hörte er, "unser Mann wurde gestern widerspruchslos habilitiert. Er steht ab dem Wintersemester zur Verfügung."

Der Berliner bedankte sich. Er wusste, was jetzt zu tun war. Er würde seine Fakultät auf den neuen Kollegen vorbereiten müssen – keine schwierige Aufgabe. Wie sein Münchner Kollege besaß auch er Kenntnis, Reputation und Kontakte. Zudem allerlei akademische Preise, Ehrendoktorwürden sowie Verdienstkreuze von Land und Bund.

Man ging auf seine Vorschläge ein, die sich in der Vergangenheit stets als zweckdienlich erwiesen hatten. Außerdem hatte er regelmäßig dafür gesorgt, dass, wer ihm folgte, diese Gefolgschaft nicht bereuen musste. Der Bedarf an diskreten Empfehlungen war immens. Heiß begehrte Güter, wie Einführungen und Einladungen bei wichtigen Personen und Einrichtungen, waren manchem Zweifler feurige Zustimmung wert. Natürlich machte er keine Reklame, warb nicht und gab auch keine Versprechungen ab wie ein Politiker im Wahlkampf. Er verfügte über eine Autorität, die nur jenen Opponenten Widerspruch gestattete, die sich im Querulanten- und Verliererstatus eingerichtet hatten.

Dieses Mal würde es nicht anders sein. Schließlich benötigte die Fakultät an seiner Seite einen weiteren Mittelalter-Historiker. Selbstverständlich hatte man ihn als Betroffenen und Fachmann beauftragt, Umschau zu halten, und natürlich hatte er zuerst dort nachgefragt, wo er selbst herkam.

Sicher: Auch in anderen Universitätsstädten warteten jüngere (zuweilen auch ältere) Kandidaten auf ihre Chance. Aber mit diesem Münchner, den er im Geistigen mit Fug und Recht und nicht ohne Rührung als seinen "jüngsten Bruder" bezeichnete, würden die Berliner Geschäfte weiterlaufen wie bisher. Er würde entlastet werden, und der Neuling hätte – schon wegen seiner großen Jugend und aus Dankbarkeit – nicht den Wunsch, das ihm zugewiesene Territorium zu verlassen. Er würde geduldig warten, bis er Erbe werden konnte.

Der Berliner packte zufrieden seine Aktenmappe, um sich auf den Weg zur frühabendlichen kollegialen Beratung zu machen. Sechs Monate später nahm der junge Münchner seine Vorlesungen in Berlin auf. Das war 1966.