Der heldenhafte Kampf um die vom Aussterben bedrohten Wörter geht weiter (siehe auch Glosse Seite 41), und er geht inzwischen sogar um Wörter, die es gar nicht gibt, jedenfalls nicht im gedachten Zusammenhang. Jens Bisky vermutet in seinen ansonsten trefflichen Bemerkungen zum "Kult der bedrohten Wörter" (Süddeutsche Zeitung vom 4. Januar), das Wort "Denkungsart" werde überleben, solange Schillers Wilhelm Tell in der Schule gelesen werde. Wer aber im Alltag von der "Milch der frommen Denkungsart" rede, riskiere den Sturz ins Lächerliche. Nun, dachte ich, "Denkungsart" ist ja eigentlich ein eher hässliches Wort, ungeachtet seiner gelegentlichen Verwendung durch Lichtenberg oder Kant. Warum nicht "Denkensart" oder "Denkart"? Gibt es eine Denkung oder Sprechung? Und wie kam der gute Schiller auf dieses steife Wort? Die Überprüfung drei verschiedener Schiller-Ausgaben ergab einhellig Folgendes: In der dritten Szene des vierten Aufzugs tritt Tell mit der Armbrust auf und schickt sich an, den Landvogt Gessler zu ermorden. " Durch diese hohle Gasse muß er kommen, / Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht." So beginnt er seinen Monolog, und dann sagt er: "Ich lebte still und harmlos Das Geschoß / War auf des Waldes Tiere nur gerichtet, / meine Gedanken waren rein von Mord / Du hast aus meinem Frieden mich heraus- / Geschreckt, in gärend Drachengift hast du / Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt" Denkart. Es geht ja auch nicht anders, sonst wäre der fünfhebige Iambus gestört. Woher aber die falsche Lesungsart?

Sie ist sehr verbreitet. Eine ZEIT-Blitzumfrage auf der Hamburger Mönckebergstraße kam zu folgendem Ergebnis: Von 100 befragten Passanten hatten 17 den Namen Schiller schon mal gehört. Von diesen 17 kannten 15 das Zitat als "Milch der frommen Denkungsart".

Wahrscheinlich deshalb, weil man zumeist das nachgestellte "mir" vergisst. Dann muss man, um im Rhythmus zu bleiben, "Denkungsart" sagen. Die Deutschen sind eben ein musikalisches Volk, jedenfalls die auf der Mönckebergstraße.