Österreich habe den Aufbruch gewählt. So stand es vor drei Monaten an dieser Stelle zu lesen. Es folgten Wochen einer enervierenden Verhandlungsführung, eher ein Hauen und Stechen denn die Suche nach einem Kompromiss. Aufbruch? Abbruch hieß in dieser Zeit wohl das Wort der Stunde.

Als dann fürs Erste der Vorrat an Gift und Galle verspritzt war, ging es plötzlich ganz schnell die rote und die schwarze Staffel wähnten sich auf einer Zielgeraden, nachdem sie sich zuvor nur im Kreis bewegt hatten. Vermutlich hätten sie bald wieder in diesem Watschenwalzer kreiseln wollen - doch ein immer größerer Teil der angeblich so wahlmüden Bürger empfand, ein neuerlicher Urnengang wäre der wahrscheinlich ehrlichste Ausweg aus dem Dilemma, das entsteht, wenn zwei darauf beharren, maximale Ziele bei minimaler Durchsetzungskraft verwirklichen zu wollen. Ein Glaubwürdigkeitsproblem, tief wie die Kitzlochklamm, klaffte vor den beiden widerspenstigen Parteien. Da schwenkten sie dann doch lieber auf die Zielgerade ein. Auf irgendeine. Und legten ein fotogenes Finish hin. Jeder wurde sozusagen zweiter Sieger, strahlte gleichwohl zufrieden. Die Zeit der beiden Läufer insgesamt war hingegen eher ärmlich. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden solche Champions in Wien "Hätti-Waris" genannt.

Aufbruch sieht anders aus. Ein zaghafter Trippelschritt vorwärts hier, ein oder zwei Rückschritte dort, eine paar Drehungen um die eigene Achse elegant und kulturrevolutionär zugleich beispielsweise die im Grunde genommen maoistisch inspirierte Idee, Studenten sollten sich ihr Studium mit gemeinnütziger Arbeit verdienen. Zumeist scharren die neuen Koalitionspartner jedoch mit den Füßen und wirbeln dabei viele schöne Worte hoch. Was sollten sie sonst tun?

Es fehlen handfeste Resultate, die man in den eigenen Reihen als Erfolg präsentieren könnte. Es fehlen, schlimmer noch, innovative Lösungsmodelle für die ungelösten alten Probleme, geschweige denn, dass die wichtigen Herausforderungen der Zukunft auch nur angesprochen worden wären. Es ist weit und breit keine Idee auszumachen, die dieser Koalition über die ersten Tage und Wochen hinaus eine Richtung weisen könnte. Wohin die Reise nicht gehen wird, definiert der Minimalkonsens zweier Regierungspartner, die einander nach wie vor nicht über den Weg trauen. Der Argwohn erlaubt biederes Verwalten, bestenfalls, politisches Gestalten gestattet er nicht. Aufbruch? Zu besichtigen ist stattdessen ein Absturz in die Fantasielosigkeit.

Vor allem bei den Sozialdemokraten ist nun der Rechtfertigungsbedarf geradezu überwältigend. Statt neuem Selbstbewusstsein herrscht der große Frust. Jene Jusos, die sich noch am Wahlabend die Seele aus dem Leib jubelten, belagern nun die Parteizentrale und rufen Verrat.

Veteranen der Bewegung reagieren entsetzt. Kommentatoren überschütten die Partei des künftigen Kanzlers mit Hohn und Spott: über den Tisch gezogen, das letzte Hemd verspielt, die Hose heruntergelassen.

Tatsächlich ist, gemessen selbst an bescheidenen Erwartungen, die rote Handschrift in diesem Regierungsprogramm lediglich als ein verblasster Federstrich erkennbar. Gemessen jedoch an dem, was in der politischen Gemengelage eines weiterhin polarisierten Landes erreichbar ist, können sich die sozialdemokratischen Entscheidungsträger nach dem wenig glanzvollen Pakt gerade noch erkennen, wenn sie morgens in den Spiegel blicken. Das reicht vermutlich, um eine nachhaltige Identitätskrise zu verhindern.