Otto Schily findet die Sache nicht so schlimm. Es geht schließlich nicht um Mord oder Folter, in der DDR mussten Kirchenleute wie Manfred Stolpe auch mit dem Geheimdienst reden, und der Ex-KGB-Mann Putin ist heute der legitime russische Präsident so wird der frühere deutsche Innenminister vom Corriere della Sera zitiert. Für Polen ist der Fall Stanisaw Wielgus nicht ganz so leicht zu erledigen. Am vergangenen Freitag hatte Wielgus sein Amt als Erzbischof von Warschau übernommen, am Sonntag sollte er in einer feierlichen Messe eingeführt werden.

Stattdessen erklärte er seinen Rücktritt, erdrückt von den Indizien, die ihn als Kollaborateur des kommunistischen Sicherheitsdienstes auswiesen. In der Kirche und davor kam es zu entsetzten Protesten einiger Anhänger. Überall wäre ein solcher Sturz eines hohen Geistlichen ein Skandal. In Polen, dem katholischsten Land Europas, der Heimat Johannes Pauls II., ist es eine nationale Erschütterung.

Manchmal auch eine persönliche: Ein Warschauer Bekannter, der Protestant ist (das gibt es auch), berichtet von Anrufen katholischer Freunde, die sich nach der Möglichkeit zum Übertritt in die evangelische Kirche erkundigen wollen.

Wie es künftig um die moralische Autorität der katholischen Kirche stehen wird und was das für die polnische Gesellschaft und Politik bedeutet das ist die eine Frage, die sich mit dem Fall Wielgus verbindet. Am Montag, einen Tag nach dem spektakulären Amtsverzicht des Warschauer Erzbischofs, hat auch der Dompropst der Krakauer Wawel-Kathedrale seinen Rücktritt wegen Geheimdienstverstrickungen erklärt. Die Vergangenheit wird den polnischen Katholizismus so schnell nicht loslassen. Aber irritierte Blicke müssen sich auch auf den Vatikan richten. Abermals, wenn auch nicht mit so dramatischen Folgen wie bei der Regensburger Rede des Papstes, hat das Rom Benedikts XVI. kein sonderliches politisches Geschick bewiesen.

Der Vatikan übernahm die Verantwortung und blamierte sich Der entscheidende Missgriff auf römischer Seite war eine Erklärung, die der Sprecher des Vatikans am 21. Dezember abgab. In Warschau waren Berichte über Wielgus IM-Geschichte publiziert worden noch nicht so detailliert wie Ende der vorigen Woche, aber immerhin alarmierend. In dieser heiklen Lage stellte der Heilige Stuhl fest, bei der Berufung von Wielgus seien "alle Umstände seines Lebens" in Betracht gezogen worden, "darunter auch diejenigen, die sich auf seine Vergangenheit beziehen". Der Vatikan übernahm die volle Verantwortung für die Personalie, indem er sich als komplett informiert erklärte. In Wirklichkeit hatte Wielgus öffentlich und wahrscheinlich auch kirchenintern zunächst nicht zugegeben, wie weit seine Geheimdienstkontakte zurückreichten und dass er eine Verpflichtungserklärung unterschrieben hatte. Als mehr herauskam, war der Heilige Stuhl blamiert. Er hat dann, am vorigen Wochenende, sehr schnell die Konsequenzen gezogen und Wielgus in einer Blitzaktion das Vertrauen entzogen. Niemand wird Benedikt XVI. verübeln, dass er sich erst einmal auf die Einschätzungen anderer verlassen musste der polnischen Bischöfe oder der Nuntiatur, der päpstlichen Botschaft, in Warschau. Aber politische Menschenkenntnis ist generell keine Stärke von Joseph Ratzinger, und offenbar ist in Rom noch immer kein Apparat installiert, der ihn und die Kirche vor den Folgen bewahrt.

Eine Vergangenheits- und "Stasi"-Debatte über Geistliche hat in Polen ein ganz anderes Gewicht als irgendwo sonst in Mittel- und Osteuropa, weil die Kirche als das nationale Bollwerk gegen den Kommunismus galt.

Bis heute unvergessen ist die Märtyrergestalt des Priesters Jerzy Popieuszko, der für die verbotene Gewerkschaft Solidarno gepredigt hatte und 1984 vom Sicherheitsdienst auf brutale Weise umgebracht wurde. Die unmittelbaren Täter bekamen Haftstrafen und wurden am Ende vorzeitig entlassen, höher hinaus in die Unterdrückungshierarchie reichten die Verurteilungen nicht. Der Popieuszko-Mord wurde zum Symbol nicht nur für die Verbrechen der Diktatur, sondern in den Augen vieler auch für die Unfähigkeit des postkommunistischen, demokratischen Polen, diese Verbrechen zu ahnden. Der teilweise hysterische Säuberungs- und Abrechnungseifer der jetzt in Warschau regierenden rechten Politiker nährt und legitimiert sich nicht zuletzt aus solchen Erfahrungen.