Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet", schrieb Dante in seinem Inferno an die Höllenpforte. Der Satz könnte auch am Eingang zu dieser Höhle stehen. Die niedrige Felsendecke zwingt Mike Spilde zum Kriechgang, um seine Knie sprudelt ein weißer Bach. Eine Gasmaske drückt dem Geologen ins Gesicht. Nähme er sie ab, stiege ihm der Gestank fauler Eier in die Nase: Schwefelwasserstoffgas in tödlicher Konzentration. Es entweicht aus einigen Quellen in der Höhle.

Mit der einen Hand versucht Spilde, ein Gaswarngerät trocken zu halten, das ihm vom Hals baumelt. Mit der anderen robbt er nach vorn und schleppt eine Sauerstoffflasche für den Notfall mit. Bei früheren Besuchen schossen plötzlich noch Kohlenmonoxid und Ammoniak in die Kammer, Giftgase, gegen die sein Filter nicht schützt. Schlägt der Gasmonitor Alarm, muss er sich die Maske vom Gesicht reißen, die Notflasche aus dem wasserdichten Beutel schälen, aus ihr den Sauerstoff atmen und dann über messerscharfe Steine schleunigst aus der Todesgrotte herauskriechen.

Trotz der höllischen Verhältnisse in der Kaverne Villa Luz unter dem mexikanischen Regenwald wimmelt das Leben. Um Spildes Beine schwimmen Fische, seinen Kopf umschwirren Mücken. Manchmal flattert eine Fledermaus vorbei, und eine Geißelspinne bringt sich in Sicherheit.

Wände und Wasser strotzen vor Mikroben. Geologe Spilde und seine Kollegin Penny Boston sind dabei, ein Geheimnis zu ergründen: Wie kann in der Unterwelt ohne Sonnenlicht eine prosperierende Lebensgemeinschaft entstehen?

Nur zwei bis drei solcher Schwefelhöhlen sind weltweit bekannt. Sie liegen an Orten, wo zufällig Schwefelwasserstoff aus den Tiefen der Erde nach oben dringt. Doch die Höhle von Villa Luz könnte den Schlüssel zu weitaus größeren Rätseln bergen. Zunehmend halten es Forscher für möglich, dass in der feuchtwarmen Frühzeit des Mars Mikroben entstanden sind, die sich vor den harschen Bedingungen der Gegenwart in den Untergrund zurückgezogen haben. Solchen Verstecken könnte die giftig-lebendige Cueva de Villa Luz verblüffend ähneln. Ein Stückchen Mars auf Erden?

Spilde quält sich weiter durch die Passage. Schweiß rinnt ihm übers Gesicht. Glücklicherweise zeigt der Gasmonitor nur tödliche Werte für Schwefelwasserstoff an, was Spilde durch dumpfe Rufe unter der Maske hervor an Penny Boston meldet. Die Chefin der Expedition wartet heute als Notwache nebenan im Tümpel der Sala Grande. Dort ist noch nie Kohlenmonoxid aufgetreten. Spildes Ziel ist eine Kammer, die Yellow Roses getauft wurde, weil an ihren Wänden gelbe Schwefelkristalle glitzern.

Von diesem Schwefel will der Wissenschaftler Proben abkratzen, um mehr über den Nahrungskreislauf der Höhle zu erfahren. Für manche Bakterien ist Schwefelwasserstoff das Lieblingsfutter. Sie saugen das gelöste Gas gierig aus den Quellen. Die für Menschen tödlichen Mengen in der Luft sind die Brosamen, die nach ihrem Mahl übrig bleiben. Als Abfall entstehen der gelbe Schwefel und Schwefelsäure. Manche Forscher fragen sich gar, ob das irdische Leben einst unter ähnlichen Umständen entstand. Energiereichen Schwefelwasserstoff bot die junge Erde im Überfluss, zum Beispiel in vulkanischen Quellen, ob auf dem Meeresboden, an Land oder in Höhlen. Dafür gab es keinen Sauerstoff in der Atmosphäre für viele heutige Mikroben, darunter solche aus der Cueva de Villa Luz, ist unser Lebenselixier noch immer giftig.