Am 27. Oktober 2005 um 18.12 Uhr fällt in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois der Strom aus. Die Panne dauert länger als gewöhnlich, und nach zwei Stunden erhärtet sich das Gerücht: Mehrere Jugendliche sind auf der Flucht vor der Polizei in das örtliche Elektrizitätswerk eingedrungen und im Starkstrom verbrannt.

Bürgermeister Claude Dilain, ein Kinderarzt, ist der Erste, der ahnt, dass eine Katastrophe bevorsteht: "Als ich den Innenminister sagen hörte, die Jugendlichen seien Einbrecher gewesen, für deren Tod die Polizei nicht verantwortlich sei, da wusste ich: Das gibt Bürgerkrieg."

Wenige Tage später ruft die französische Regierung erstmals seit dem Algerienkrieg den Ausnahmezustand aus. Drei Wochen lang brennen landesweit in dreihundert Vorstädten zehntausend Autos und Hunderte öffentlicher Gebäude. Der Sachschaden beträgt 200 Millionen Euro.

Philosophen wie André Glucksmann oder Alain Finkielkraut erklären unter großem Beifall, bei den Banlieue-Krawallen seien rassisch-religiös motivierte Gewalttäter am Werk, die den Krieg der Kulturen proben.

Diese Deutung war jedoch völlig unsinnig. Es ist das Verdienst des Regisseurs Philippe Triboit, in seinem Doku-Drama Wut in den Städten den Herbst 2005 aus ideologischen Parallelwelten in den Alltag der französischen Vorstädte zurückzuholen. Anhand der Untersuchungsberichte von Polizei und Justiz rekonstruiert er Leben und Sterben der Jugendlichen. Seine Montagen aus Regierungsstatements und fiktiven Spielszenen belegen, was längst auch die Gerichte konstatieren: dass die Jugendlichen aus Panik flohen und die Polizei sich wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten muss.

Unmittelbare Zeitgeschichte als Spielstoff ist im französischen Fernsehen selten. Aufklärung findet in Zeitungen und Büchern statt, während die großen Sender, zumal im derzeitigen Wahlkampf, allenfalls "History"-Beiträge über ablebende oder tote Politiker bringen. Dem oft kritisierten soft touch französischer Filme erliegt zwar auch Krimi-Routinier Philippe Triboit, der wenig von der Härte vermittelt, wie sie etwa Matthieu Kassovitz Vorstadt-Apokalypse La Haine zeigt.

Triboit reduziert das soziale Drama stellenweise auf eine Beziehungskiste zwischen einem recherchierenden Journalisten und einer Polizistin. Zudem sehen seine Originalschauplätze viel gepflegter aus als in Wirklichkeit. Doch die zahlreichen Laiendarsteller treten nicht als ethnische Clans oder fundamentalistische Konvertiten auf, sondern als ganz durchschnittliche Franzosen, die gegen ihre Deklassierung kämpfen. Das gibt dem Film erstaunliche Realitätsnähe.