An der unteren Themse kannte sich Charles Dickens aus, denn da war er aufgewachsen, und so ist es kein Zufall, wenn er gegen Ende seiner Schriftstellerlaufbahn noch einmal in den Nebel der Marschen zurückkehrt. Er selbst sieht nun ganz klar: Große Erwartungen enden im Vagen, weil Pip und Estella, die hochmütige, kalte Frau, nach der sich der Mann ein halbes Leben lang verzehrt hat, vielleicht doch noch zusammenkommen. Aber Dickens, der sich den halb positiven Schluss aufnötigen ließ, lässt untergründig keinen Zweifel daran, dass er für das Paar ziemlich schwarzsieht.

Great Expectations hat etwas selbst für Dickenssche Verhältnisse sehr Düsteres, und die klug eingestrichene Hörspielfassung von Valerie Stiegele, die der Hörverlag vom NDR übernimmt, tut atmosphärisch das ihre dazu. Wer als Kind bei einem Schwesternbesen wie Mrs. Joe aufwächst (die von der Schauspielerin Witta Pohl beeindruckend scharf an den Rand der Karikatur getrieben wird), der schläft nachts gewiss nicht gut. Und Pip schläft noch schlechter, seit er dem entsprungenen Häftling Magwitch geholfen hat. Dieser wiederum (herrlich verlottert und gefährlich sentimental: Hans Helmut Dickow) wird später, weil zu Geld gekommen, aus Dankbarkeit Pips Aufstieg zum Gentleman befördern, ohne dass der eine Ahnung hätte, wer sein Gönner ist. Dickens dirigiert die beiden mit meisterhafter Hand durch ein Dickicht an Nebenhandlungen, bis Pip wieder da ankommt, wo er gleich hätte bleiben sollen. In der Schmiede und bei seinem einzigen Freund Joe Gargery.

Doch wird jede noch so genaue Nacherzählung zu harmlos bleiben. In Wirklichkeit überwindet Charles Dickens mit dem 1860 entstandenen Roman bereits die Schwelle zum psychologischen Roman des 20.

Jahrhunderts. Die angemessen luxuriös ausgestattete Produktion, vor 25 Jahren bereits in größter Ruhe und Besonnenheit als Hörspiel aufgenommen, trägt dieser Disposition (und inneren Rede) unter anderem mit gleich drei Erzählerstimmen für den kindlichen, jungen und dann älteren Pip Rechnung. Namentlich Helmut Zierl, der als Schauspieler immer gerne für das so genannte leichte Fach gebucht wird, vermittelt sehr gut, welch latentes Grauen es bedeutet, niemals sein zu dürfen, was man eigentlich ist. Ein Kunststück und nicht das einzige hier.

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