Leipzig Für die Kabarettisten war es eine Sternstunde, als die ersten Bagger anrollten und sich monströse Baugruben in der Innenstadt auftaten: "Tiefensee-Mausoleum" nannten die Leipziger Brettlkünstler die Baustellen des City-Tunnels und mokierten sich über die Ernennung des Leipziger Oberbürgermeisters zum Bundesverkehrsminister. Der SPD-Politiker hat sich für sein Amt unter anderem durch seinen Einsatz für den vier Kilometer langen Tunnel vom Hauptbahnhof zum Bayerischen Bahnhof qualifiziert, der den Schienen-Nahverkehr beschleunigen und mehr Touristen in die Stadt bringen soll. In Wahrheit ist dies ein Prestigeprojekt der zweitgrößten ostdeutschen Kommune, die das Scheitern an der Olympiabewerbung immer noch nicht verkraftet hat. 643 Millionen Euro sollen die Steuerzahler für vier Kilometer Tunnel ausgeben.

"In Leipzig entsteht etwas Großes", heißt es in der Imagebroschüre zum City-Tunnel. Ein Junge buddelt mit einer gelben Plastikschaufel auf einer Wiese, ein Bauarbeiter strahlt vor einer Baugrube, eine Gruppe Teenager steigt mit Rucksack und Isomatte in einen ICE. Derweil wälzen sich seit Monaten Kolonnen von Lastwagen durch die Leipziger Innenstadt, die Schaufensterscheiben sind matt vor Staub. Sitzplätze im Freien blieben selbst im Hochsommer verwaist der Lärm erstickte jede Unterhaltung, Gläser vibrierten auf den Tischen. Fremde blieben vor den riesigen Gruben ungläubig stehen oder folgten teils neugierig, teils sprachlos dem braunen Bretterzaun, der Schneisen durch die Altstadt schlägt. Beliebte Fotomotive wie die Thomaskirche werden umrahmt von rosafarbenen Röhren auf Betonstelzen, in denen abgepumptes Grundwasser abfließen soll.

Noch bevor sich das neun Meter dicke Schneiderad dieser Tage in Gang setzt, sind die Kosten explodiert, die Bauleute sind Monate im Verzug.

Ob jemals ein ICE durch die Röhren fahren wird, erscheint selbst der Deutschen Bahn fraglich. Und wennschon? Schließlich ist der seit 100 Jahren geplante und immer wieder wegen Geldmangel vertagte Bau ein Schnäppchen für die Bahn als Betreiber. Gerade einmal 16 Millionen Euro muss der Konzern zuschießen. Auch den Leipzigern können Sinn und Unsinn ihres Tunnels herzlich egal sein. Die Kommune beteiligt sich mit knapp 13 Millionen Euro und kann mit 1500 Jobs während der Bauphase sogar noch ein mittelfristiges Wunder auf dem Arbeitsmarkt inszenieren. Bund (192 Millionen Euro), Land (182 Millionen Euro) und Europäische Union (169 Millionen Euro) tragen den Löwenanteil.

Leider eignen Tunnel sich nicht für Diesellokomotiven Darf es auch ein bisschen mehr sein? " Wir stehen am Anfang des Ganzen.

Der Lehrter Bahnhof in Berlin war zum Schluss doppelt so teuer wie geplant", sagt Bernd Rohde, Abteilungsleiter Verkehr im Dresdner Wirtschaftsministerium, mit erstaunlicher Gelassenheit und bemüht die etwas schiefe Metapher vom Hausbau: "Wir sind dabei, das Fundament zu errichten, nicht den Schornstein zu bauen."

Schon bald nach dem ersten Spatenstich im Juli 2003 traten geologische Probleme auf. Die Tunnelbauer stießen auf Granit und Kohle, monatelanger Bauverzug war die Folge. Gastronomen und Mittelständler formierten sich zu einer Interessengemeinschaft, weil Kunden und Touristen ausblieben. Eine Musterklage auf Schadensersatz ist noch nicht entschieden. Zuletzt sorgten Risse an einer Güterlagerhalle für Aufregung und zeitweiligen Baustopp.