Mit beachtlichem Optimismus werden Kunstwerke von Zeitgenossen immer wieder als "zukunftsweisend" eingestuft. Und erst Jahrzehnte später, im Rückblick auf die damals gewiesene Zukunft, wird klar, dass der vermeintliche Wegweiser schon der Höhepunkt des Genres war. Nach diesem Muster wurde auch die Beatles-LP Revolver jahrzehntelang falsch einsortiert. Als Vorstufe hat man sie gewürdigt, als Lockerungsübung für das triumphal konzeptlose "Konzeptalbum" Sgt. Peppers und damit für allen späteren Kunstrock. Erst in den letzten Jahren landet Revolver in einer Kritikerumfrage nach der anderen auf Platz eins und zwar nicht bloß innerhalb des Beatles-uvres, sondern gleich in Listen der "besten Pop-Platten aller Zeiten". Völlig zu Recht.

Vierzig Jahre nach seinem Erscheinen klingt Revolver irrsinnig frisch.

Jeder der 14 Songs ist eine geballte Ladung von irgendetwas: Melancholie (Eleanor Rigby), Albernheit (Yellow Submarine), Schläfrigkeit (Im Only Sleeping), akute Verliebtheit (Got To Get You Into My Life), Zärtlichkeit (Here, There And Everywhere), Entrücktheit (Tomorrow Never Knows). Alle diese Ausbrüche sind vorbei, bevor man ganz fassen kann, was sich da gerade entladen hat.

Nicht zu fassen ist vor allem die steile Entwicklung, die dieser Platte vorangegangen war: Vier Jahre zuvor hatten die Beatles noch auf der Reeperbahn Rock-n-Roll-Hits nachgespielt. Die weltverändernde Unbekümmertheit ihres Aufbruchs verbindet sich auf Revolver mit der Experimentierlust vierer Herren Mitte zwanzig, die Erfolge erlebt hatten wie nur wenige Sterbliche vor ihnen, und die ahnten, dass sie sich musikalisch alles erlauben konnten. Sie nahmen sich die Freiheit, mittels Kunst, Musik, Drogen und Meditation auf Sinnsuche zu gehen, bevor all das ins Klischee hinüberwaberte: Die Zeile "Turn off your mind, relax and float downstream" klingt auf Revolver noch wie ein origineller Vorschlag. In den Monaten vor den Aufnahmen hatte sich Paul McCartney von den Strapazen der Beatlemania mit Exkursionen in die Kunstwelt erholt, hatte Andy Warhol kennengelernt, eigene Super-8-Filme gedreht und sich mit den Kompositionen Karlheinz Stockhausens beschäftigt. John Lennon erlebte seinen Politisierungsschub, George begab sich auf seinen ersten Indien-Trip.

Ringo? Trommelte brav weiter.

Dann gingen sie ins Studio und erfanden im Frühjahr und Sommer des Jahres 1966 die moderne Popmusik, wie wir sie noch heute kennen und lieben. John und Paul waren besessen von den ungenutzten Möglichkeiten der EMI-Studios in der Londoner Abbey Road, alles wurde ausprobiert.

Zum Einsatz kommen auf Revolver, neben rückwärts laufenden Tonbändern: ein Streichquartett, eine Sitar, das Rauschen der Meeresbrandung.