Gammesfeld hat es in den vergangenen Jahren zu beachtlicher Bekanntheit gebracht – allerdings nicht wegen seiner Nähe zu Rothenburg ob der Tauber, das Touristen aus Japan und Amerika massenweise anzieht. Gammesfeld hat, was kaum ein anderes 500-Seelen-Dorf in Deutschland noch hat: eine eigene Bank. Diese hat es sogar in die Berichterstattung des britischen Economist geschafft. Ihr Chef Fritz Vogt war schon Gast in den Talkshows von Reinhold Beckmann und Sandra Maischberger.

Das Aufsehen um die Raiffeisenbank Gammesfeld ist nicht damit zu erklären, dass sie eine der kleinsten Banken in Deutschland ist. Dass das Institut vom 76-jährigen Vorstand Vogt, unterstützt nur durch zwei ehrenamtliche Vorstandskollegen, betrieben wird und alle Buchungen von Hand durchgeführt werden, dass sich die Bank schon seit Jahrzehnten allen Fusionsgelüsten von Nachbarbanken konsequent verweigert, dass Vogt einen sechs Jahre dauernden Prozess gegen die Bankenaufsicht gewonnen hat, um keinen zweiten hauptberuflichen Vorstand einstellen zu müssen – das sind zwar Szenen, die unweigerlich das Bild eines Don Camillo am Bankschalter hervorrufen. Aber die eigentliche Geschichte ist eine andere.

Fritz Vogt verfolgt eine Geschäftsstrategie, die es nach der modernen Bankenlehre nicht mehr geben dürfte. Das Mobiliar der Bank ist aus den sechziger Jahren, Wertpapiergeschäfte werden nicht angeboten, nicht einmal Investmentfonds oder Bausparverträge hält die Gammesfelder Minibank für ihre Kunden bereit. "Es geht darum, die finanzielle Grundversorgung im Ort zu sichern", sagt Vogt. Dies tut er jedoch zu bemerkenswerten Konditionen: Das Girokonto wird kostenlos geführt, der Dispokredit kostet 4,5 Prozent Zins. Variable Finanzierungen werden für 3,5 Prozent und Kredite mit fünf Jahren Zinsbindung für vier Prozent vergeben – egal, ob es sich um eine Baufinanzierung oder um einen Autokredit handelt. Fürs Sparbuch zahlt die Bank 2,5 Prozent.

Dass die Bank noch nicht unter einem Kundenansturm zusammengebrochen ist, hat einen einfachen Grund: Nur Gammesfelder können bei ihr ein Konto eröffnen. Deshalb braucht Vogt im Kreditgeschäft kaum Rücklagen für Ausfälle zu bilden. Er kennt seine Kunden mitsamt ihren Familien alle persönlich – teilweise sogar von Geburt an. "In den letzten zehn Jahren gab es keinen einzigen Kreditausfall", sagt der Dorfbanker.

Kaum eine Bank praktiziert noch Basisdemokratie

Zu Kollegen aus größeren Genossenschaftsbanken und zu seinen Dachverbänden – dem Württembergischen Genossenschaftsverband und dem Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) – hat Vogt ein gespaltenes Verhältnis. Mal eckt er wegen seiner Verweigerung moderner Bankdienstleistungen gewaltig an, mal erhält er auf Vorstandstagungen von seinen Kollegen stehenden Applaus für seine flammenden Appelle, die Idee der genossenschaftlichen Geldwirtschaft wieder mit Leben zu erfüllen. Genau hier ist der wahre Grund für Vogts Popularität zu finden: Er ist ein Jünger Raiffeisens, und so betrachtet er sich als das personifizierte schlechte Gewissen der modernen Genossenschaftsbanker. Die heutigen Volks- und Raiffeisenbanken haben seiner Ansicht nach mit der ursprünglichen genossenschaftlichen Idee nur noch wenig gemein. Diese lässt sich mit zwei Begriffen charakterisierten: Selbsthilfe und Basisdemokratie.