Was ist bloß los? Wo sich sonst um diese Zeit die wohlverdiente Winterpause bereits sachte zu dehnen beginnt, wo wir Grünabhängigen, ebenso angeregt wie frustriert nach der Lektüre all der Hochglanz-Gartenbücher, die unsereinem gern zu Weihnachten verehrt werden, schon mit glücklicher Ruhelosigkeit die Samenkataloge durchblättern, stellt sich diesmal bloß eine Frage: Hat das neue Gartenjahr nun eigentlich angefangen – oder ist das alte noch nicht zu Ende?

Für Letzteres spricht, dass mein großer Acanthus, der sonst beim ersten Frost in sich zusammensinkt, immer noch in halbmeterhoher, sattgrüner Pracht dasteht, seine noblen, an Riesendisteln und antike Säulen gleichermaßen erinnernden Blätter nur ein wenig im Dauerregen gesenkt hat und dass das Gras noch ebenso grün ist wie der Waldmeister. Andererseits sind die Christrosen kurz vor der Blüte, und überall kommen die Spitzen der Zwiebelpflanzen. Es fühlt sich alles an wie in der Phase verschoben, und vielleicht liegts auch daran, dass zumindest meine Winterpause diesmal alles andere war als wohlverdient: Den ganzen Herbst lang trödelte ich müßig durch den Garten und konnte mich zu keiner der Jahreszeit auch nur halbwegs angemessenen Aktion entschließen. Nie war es so einfach, das bevorstehende Ende zu ignorieren wie beim T-Shirt-Wetter im vergangenen Spätherbst.

Erst nach der ersten Orkanwarnung entschloss ich mich halbherzig zu einer zumindest symbolischen Geste: die gewaltigen Sonnenblumen, an deren ebenso gewaltigen Samenständen die Vögel lange Freude gehabt hatten, zu kappen und zu häckseln, bevor ich sie geknickt und mit matschigen Riesenblättern vom Boden würde aufsammeln müssen. Sonnenblumen-Häckseln ist normalerweise, vom Lärm abgesehen, eine ebenso mühelose wie zufriedenstellende Angelegenheit: kaum Arbeit, aber das angenehme Gefühl, etwas Nützliches geschafft zu haben, da die stabilen Stengel am Stück nur sehr schwer verrotten. Das Erste, was meine Prachtstücke des Rekordsommers 2006 deutlich von ihren Vorgängern unterschied, war die Tatsache, dass ich selbst mit der Rosenschere wenig an ihrer fast handgelenkdicken Basis ausrichten konnte. Nachdem ich sie erst mit Hilfe einer kräftigen Astschere glücklich zur Strecke gebracht hatte, war mir schon ganz unherbstlich warm. Der erste lässige Versuch, die gefällten Riesen einfach am Stück durch den Häcksler zu schieben, endete im Slapstick: Statt sich programmgemäß in etwas zu verwandeln, das, des weißen Marks im Stengelinnern wegen, wie Styroporschnipsel aussieht, sprangen sie so heftig weg wie sonst höchstens eisenharte alte Ligusteräste.

Sicher gehört mein Häcksler nicht zu den Hochleistungsgiganten seiner Zunft, aber Sonnenblumenstengel hatten ihm nun doch noch nie Schwierigkeiten gemacht. Leicht verdutzt zerlegte ich sie in knappe Meterstücke, versuchte es mit deutlich mehr Nachdruck – und hätte mich dabei fast unversehens unter die Aspiranten für den Darwin-Award, die Trophäe für die spektakulär dämlichste Selbstentleibung, eingereiht, so heftig und so dicht am Auge vorbei war der Rückschlag. Zweierlei dämmerte mir gleichzeitig: Mein Häcksler brauchte dringend neue Messer – und wer immer diese wehrhafte Sonnenblumensorte "King Kong" getauft hat, wusste genau, was er tat. Die Tatsache, dass ich die Stengel mit dem Handbeil längs in schmalere Streifen zerlegte, machte sie zwar für mich ungefährlich, erhöhte letztlich aber nur ihr Beharrungsvermögen: Nach der zweiten Portion blieb der Häcksler mit einem ersterbenden Rülpser abrupt stehen, die Welle gefesselt von beigen Strängen, die zäh genug wirkten, um einen Supertanker damit zu vertäuen.

Natürlich ließen sich die bis zum Anschlag festgezogenen Fasern auch nicht mit bloßer Hand entfernen, ohne einen Fingernagel mitzunehmen, und natürlich passierte bei den nächste Durchgängen genau dasselbe. Bis ich das Dutzend Helianthus-Giganten niedergekämpft und in kompostfertige Chips verwandelt hatte, stand einer meiner Neujahrsvorsätze schon weit im voraus fest: nächste Saison zu den etwas zahmeren Sonnenblumen zurückzukehren – oder sie zumindest nie wieder so weit ausreifen zu lassen.

Auf einen meiner Lieblings-Gartentage wartete ich dann später vergeblich: Auf jenen nämlich, an dem ich, im Hochgefühl eines glücklich abgeschlossenen Jahres, von drinnen zusehen kann, wie alles ruhig in Kälte und – möglichst – im Schnee versinkt. Stattdessen ist im Januar immer noch fast alles grün, und was die Nacktschnecken, die unverdrossen aktiv sind, bei durchschnittlich zehn Grad plus unter der gemütlichen Laubdecke auf den Beeten anstellen, möchte ich lieber gar nicht wissen. Was diesmal vorherrscht, sind latente Unruhe und Unzufriedenheit, das nagende Gefühl, um etwas betrogen worden zu sein. So lästig, so endlos die Winter-Zwangspause sein kann – erst jetzt ist mir wirklich klar geworden, wie dramaturgisch notwendig sie ist. Was nutzt der ganze Gartenfrühling, wenn er schon zu Weihnachten kommt? Zusammen mit der unangenehmen Vorahnung, dass es dafür dann vermutlich im Frühjahr so richtig Winter werden wird…

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