Stuttgart Wenn sie ein Lied vortragen, steht Heidemarie Mezger in der Mitte des kleinen Chores wie ein Metronom von einem Meter siebzig Größe, das den Takt vorgibt. Die anderen Frauen bewegen ihre Hände dazu synchron, wie an Schnüren gezogen. Kein Laut ist zu hören. Heute proben sie das Lied von den Stuttgarter Stäffele, den berühmten Treppen der schwäbischen Stadt.

Mit ihren Fingern malen die Frauen Weinberge in die Luft. In dem Lied kommt ein Mann vor. Dick ist er, ihre Hände umspannen eine große Tonne. Und dann raucht er auch noch, der Mann. Der hat es schwer auf den Stäffele. Die Frauen nehmen ihm seine Zigarre weg und treten sie aus, während ihre Knie im Takt wortlos wippen. Ohne Zigarre geht es dem Mann gleich besser. Wohlig streichen sich die Frauen über die Brust. Ganz leicht erklimmt der dicke Mann jetzt die Stäffele. Mit zwei Fingern lassen ihn die Frauen beschwingt nach oben hüpfen.

Es ist eines von 25 Liedern, die dieser seltsame Kirchenchor einstudiert hat. Eigentlich hat er sieben Mitglieder, ausschließlich Frauen. Zur Probe heute haben sich zwei entschuldigt. Alle Mitglieder des Chores sind gehörlos, sie singen mit den Händen. 35 Auftritte absolviert der Chor im Jahr. Ob sie auch mehrstimmig singen können?

Die Dolmetscherin Karin Haag versucht, zu erklären, was mehrstimmig in der Musik bedeutet. Es dauert lange, bis die Chorleiterin Heidemarie Mezger versteht, was gemeint ist. Wie sollte sie auch! Heidemarie Mezger ist 64 Jahre, sie verlor ihr Gehör mit drei Jahren durch eine Hirnhautentzündung. Mehrstimmig? Sie lacht. Danach kann nur ein Hörender fragen.

Die kleine Gruppe im Sitzungsraum der Stuttgarter Diakonie macht eine Pause. Die fünf Frauen berichten von ihren alltäglichen Schwierigkeiten. Wenn sie etwa auf der Straße nach dem Weg gefragt werden und nicht gleich antworten. Für diesen Fall haben sie immer einen Block und einen Stift in der Handtasche. " Wir bemerken ein Martinshorn genauso schnell wie alle anderen Autofahrer", sagt Heidemarie Mezger. Gehörlose sehen es eher blitzen als andere, sie achten auf die kleinen Zeichen im Straßenverkehr. Sie spüren auch, wenn jemand das Zimmer betritt. " Ein Hörender hat einen Blickwinkel von 60 Grad. Bei einem Gehörlosen sind es 180 Grad", sagt Frau Mezger und streckt die Arme weit von sich. " Wir sind Augenmenschen!", heißt das. Augenmenschen, die singen.

Seit sechs Jahren gibt es den Chor. Die Idee hatte Heidemarie Mezger zusammen mit der Gehörlosenseelsorgerin Karin Haag. Zwar gibt es andere, auch ältere Gehörlosenchöre, doch die bilden mit ihren Händen einfach die Liedtexte nach. Der Stuttgarter Chor geht einen besonderen Weg, der nur mit der deutschen Gebärdensprache möglich ist. Sie schaffen für ihre Lieder eine eigene Ästhetik.

Erst 2001 wurde die Deutsche Gehörlosensprache (DGS) offiziell anerkannt. Bis dahin galten die sogenannten lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG), ein mühsamer Versuch, mit Handzeichen eins zu eins die deutsche Grammatik abzubilden. Die Gehörlosensprache muss man sich dagegen vorstellen wie eine Mischung aus Chinesisch und Latein: Latein, weil das Verb immer am Schluss des Satzes steht, Chinesisch, weil es keinen Artikel und keine Beugung gibt. Jedes Verb steht im Infinitiv. Eine kleine wegwerfende Handbewegung am Kopf vorbei bedeutet Vergangenheit.