Vieles von dem, was der Autor als "typischer Vertreter der dauererregten Leistungsgesellschaft in permanenter Zeitnot" für zivilisationsbedingten Stress hält, ist bei genauerem Hinsehen das Ergebnis unzureichender Planung sowie mangelnder Organisation und somit hausgemacht. Das Überziehen von Deadlines, der nie realisierte Urlaub, der aufgeschobene Besuch bei der Mutter: Was soll uns das sagen? Dass globalkapitalistische Kräfte uns zu hilflosen Opfern im Kampf um Zeit, Macht und Geld degradieren? Oder ganz ideologiefrei vielleicht doch eher, dass wir unsere Prioritäten und unsere Terminkalender besser in Einklang bringen müssen?

Dem Autor möchte man zurufen: "Schaffen Sie sich Kinder an!" In der Tat würde sich das Problem des "zu spät aus dem Bett Kommens" schon mal von selbst regeln. Aber ernsthaft: Zwischen den genannten Extremen des westeuropäischen Workaholics und dem entspannten Angehörigen einer vom Kollektiv geprägten "P-Zeit-Kultur" wie Brunei liegt durchaus noch ein Mittelweg sowie die Erkenntnis, dass auch Phasen der Muße und Entspannung geplant und, ja, organisiert und genossen (!) werden können sogar von viel beschäftigten Westeuropäern.

Dr. Christiane Lütge, Hannover

Spitzenpolitiker, Bankenchefs und Wirtschaftsbosse werben mit dem Blick aufs Wirtschaftswachstum für ein Engagement in Natur-, Wirtschaftswissenschaften und Technik. Wo bleibt der Einsatz für die Geisteswissenschaften? Sie fordern Reflexion, die über materielle Ziele weit hinausführt und der Erkenntnis wesentlicher Zusammenhänge besonderen Wert beimisst. Leider tun Geisteswissenschaftler zu wenig, um ihr Zeit und Sinn bewahrendes Potenzial öffentlichkeitswirksam gegen alle Fortschrittshast einzusetzen und die Menschen die Zeit wiederfinden zu lassen. Dem Autor gebührt Dank für sein ausgezeichnetes Dossier.

Hans Gerbig, Gersthofen/Batzenhofen