Die erfolgreichste Serie, die in Deutschland jemals gelaufen ist, war die Schwarzwaldklinik. Bis zu 80 Prozent der Fernsehzuschauer verfolgten die seichten Episoden um Professor Klaus Brinkmann.

Brinkmann hatte häufig Streit mit seinem Sohn Udo und eine Liebesromanze mit der Krankenschwester Christa. Dramatische Höhepunkte waren Herzrhythmusstörungen von Patienten, dann musste schon mal operiert werden. Die Schwarzwaldklinik war, allen Konflikten zum Trotz, so idyllisch wie Süddeutschland und so aufregend wie die Lieder von Howard Carpendale. Heranwachsenden in heimischen Wohnzimmern, die der komatösen Selbstbespiegelung der alten Bundesrepublik ausgeliefert waren, bescherte sie ein schlimmes Trauma: Würde das eigene Leben so langweilig verlaufen wie das von Professor Brinkmann?

Es kommt einer späten Rache am Chefarzt der Schwarzwaldklinik gleich, dass die Kinder von damals nun Greys Anatomy schauen. Die US-amerikanische Erfolgsserie um ein junges Ärzteteam am Seattle Grace Hospital auf Pro Sieben bedient dabei durchaus das klassische Genre einer Krankenhausserie: Es gibt den hervorragend aussehenden Oberarzt Dr. Derek Shepherd ("Dr. McDreamy"), der mit der nicht minder hervorragend aussehenden Assistenzärztin Meredith Grey eine Liaison eingeht. Grey ist die heimliche Hauptfigur der Serie, ehrgeizig und sehr klug, leidet aber an dem schweren Erbe ihrer Mutter, die eine weltberühmte Chirurgin war. Und sie leidet an Shepherd, dessen verheimlichte Ehefrau überraschend auftaucht. Derartige Plots klingen nach Schwarzwaldklinik, bilden aber, bei näherem Hinsehen, ihr genaues Gegenteil: Es gibt schnelle, unterkühlte Dialoge statt Liebesschmalz, eine multi-ethnische Zusammensetzung des Personals statt des rustikalen Baden-Württemberg, Liebeswirren junger Ärzte, eingebettet in eine Arbeitswelt mit flacher Hierarchie, statt patriarchaler Ruhe des Chefarzts.

Seltsame Dialektik: Im Zeichen einer neuen Sehnsucht nach Brinkmanns Gemütlichkeit schauen wir eine Serie, die fast ausschließlich mit Singles besetzt ist, in der es aus Zeitgründen kaum noch eine Privatsphäre gibt (die sich deshalb mit erotischer Macht im Ärzte-Umkleideraum ausbreitet) und in der jede Operation über Leben oder Tod entscheidet. Mit Greys Anatomy führt kein Weg mehr in den Schwarzwald zurück.

ZEIT-Autoren stellen in lockerer Folge Fernsehsendungen vor, die sie begeistern. Diesmal: "Grey's Anatomy", dienstags auf Pro7 um 22.15 Uhr