Der Hörsaal VI an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität ist nicht einfach nur ein Hörsaal. Eingeweihte nennen ihn den "Adorno-Hörsaal", denn hier hielt der berühmte Philosoph seine Vorlesungen. 1959 stand Ingeborg Bachmann am selben Pult und sprach über Die Probleme zeitgenössischer Dichtung, es war der Beginn der Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Seitdem sind 55 weitere Schriftsteller vor das Auditorium getreten, unter ihnen Martin Walser, Günter Grass und Christa Wolf. " Die Elefanten und Löwen aus dem Literaturbetrieb", sagt Urs Widmer. Ab dem 16. Januar ist er an der Reihe, dann darf der 68-jährige Schweizer Autor fünf Vorlesungen über ein literarisches Thema halten. Diese Auszeichnung kann seiner Ansicht nach nur zweierlei bedeuten: Entweder sei er "inzwischen auch ein Elefant oder ein Löwe, oder aber man lässt jetzt kleinere Tiere ran".

Widmer weiß natürlich, wo er steht. Deshalb auch die kokette Haltung des Understatements, wenn es um seinen Erfolg als Autor geht. Die erste Erzählung Alois erschien 1968, seitdem folgten Jahr um Jahr Romane, Dramen, Erzählungen und Hörspiele. Spätestens seit der Erzählung Der blaue Siphon (1992) und dem Roman Der Geliebte der Mutter (2000) gilt er als prominentester Dramatiker der Schweiz und Erbe von Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch. Nach seinem Stück Top Dogs über gescheiterte Manager wählte ihn Theater heute 1997 zum Dramatiker des Jahres, es wird seit zehn Jahren an Bühnen in der ganzen Welt gespielt.

Wenn Urs Widmer den Blick von seiner elektrischen Schreibmaschine hebt, sieht er in den Garten seines Hauses in Zürich. Dort lebt er seit 1984, vorher hat er 17 Jahre lang in Frankfurt gewohnt. Wenn er jetzt aus der Schweiz anreist, dann sei das für ihn "ein kleines Nachhausekommen". Auch an die Frankfurter Uni, denn dort hat der promovierte Literaturwissenschaftler in den siebziger Jahren schon einmal gelehrt, wenn auch nur "in kleinen Zimmern".

Seine Poetik-Vorlesungen hat er seit Monaten vorbereitet. Sie heißen Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das und werden bei seinem Hausverlag Diogenes erscheinen. Ein Titel, der Schweres ironisiert, Ironie ist eines seiner liebsten Stilmittel. Er sagt, das sei schon immer seine Art gewesen, "um schwarze Dinge erträglich" zu machen. Der Titel lässt im Prinzip alles zu, denn das "Übrige" neben Leben und Tod könnte alles sein. Worum also wird es gehen in den Vorlesungen?

Zunächst sagt der Schriftsteller, wie es nicht sein wird: keine Inszenierung wie bei Rainald Goetz, der Fernseher und Videorekorder im Hörsaal aufbaute und gegen den Kulturbetrieb wetterte. Keine Selbstdeutung von Schreibkrisen wie bei Monika Maron, die missglückte Romananfänge vorlas. Und keine weit aufgestoßene Tür zum eigenen Schreibzimmer wie bei Widmers direktem Vorgänger Andreas Maier, der seine Vorlesungsreihe konsequenterweise gleich Ich nannte.

Widmer möchte wenig über sich selbst reden, lieber über andere Autoren, kreuz und quer, über den "unvermeidlichen und geliebten" Robert Walser zum Beispiel. Auch allzu anekdotisch soll es nicht werden. " Aber bei meinem Temperament geht das doch nicht ganz ohne", ergänzt er schnell, langweilig werde es nicht. Wenn man mit Widmer spricht, glaubt man ihm das sofort: Es wirkt, als höre er sich selbst immer genau zu, gelegentlich hält er inne und amüsiert sich über seine Sätze.

Amüsant findet er auch, nach mehr als 40 Jahren wieder bei Suhrkamp angekommen zu sein, dem Verlag, den er 1968 im Streit verlassen hat.