Die Langostinos mit Pilz-Involtini stammen aus dem Jahr 1992. Ihnen folgen eine Gemüsesuppe in Einzelteilen und verschiedenen Texturen von 1994. Der anschließende "Verrückte Salat" ist entschieden jüngeren Datums: Er wurde im Jahr 2005 kreiert. Die Meerbarbe im angetäuschten Brotteig, die als Nächstes auf den Teller kommt, geht auf das Jahr 2000 zurück. Und so fort, durch mehr als zwei Dutzend Gänge. Lückenlosen Aufschluss über all die essbaren Kunststückchen, die während dreier aufregender Stunden an unseren Tisch gelangen, gibt das Menü, das der Oberkellner erst ganz am Ende des Abends aushändigt. Es vermerkt hinter jedem Gericht eine Jahreszahl. Die bezieht sich auf den jeweiligen Jahrgang, in dem die entsprechende Kleinigkeit auf dem Speiseplan von Ferran Adriàs Dreisternerestaurant El Bulli an der katalanischen Küste stand. Dort hält sich jedes Gericht nur eine Saison.

Adrià gilt als einflussreichster Koch der vergangenen zehn Jahre. Seiner anarchischen Kreativität verdankt er die Einladung zur documenta 2007. Mit der Hacienda Benazuza, im Zweitnamen El Bulli Hotel genannt, hat er sich ein kleines Museum mit essbarer – und ständig erneuerbarer – Sammlung eingerichtet. Wer im Hotelrestaurant Alquería ein Menü bestellt, nimmt also an einer kulinarischen Retrospektive teil, voller akribisch reproduzierter Entrees, die mit bloßem Gaumen nicht von Adriàs Originalen aus Katalonien zu unterscheiden sind.

Natürlich darf in dem Hotel auch einchecken, wer von Zauberei und Dekonstruktivismus auf dem Teller nichts wissen will, denn das Alquería ist nur eines von drei Restaurants auf dem Hotelgelände. Aber es ist doch das Herzstück der Hacienda. Und viele Gäste kommen zunächst des Essens und dann erst des Schlafens wegen.

Mag die Küche des Hauses auch fehlerfrei aus dem Norden herübergebeamt sein – beim Stil des Hauses setzt sich der Süden durch. Die Hacienda Benazuza ist ein traditionelles andalusisches Landgut, dessen Stammbaum bis in die Zeit der maurischen Besatzung zurückreicht. Nahe der heutigen Rezeption wird ausgestellt, was von der einstigen Olivenölmühle geblieben ist. Der damalige Öltank dient mittlerweile als unterirdische Lichtquelle. Eine kleine Deko-Idee aus der Jetztzeit. Ansonsten wird vor allem Acht gegeben auf die Aufrechterhaltung der alten Gediegenheit: massive geweißte Mauern, verschachtelte Ziegeldächer, Höfe mit handverlesenen Pflastersteinen, mächtige Torbögen, schmiedeeiserne Fenstergitter, schwere Vorhangstoffe, gedrechselte Möbel. In manchen Patios stehen Orangenbäume, aus anderen ragen Palmen auf. Im großen Garten gibt es Wandelgänge mit Hecken und Ziersträuchern, kleine Wasserkanäle, Obstbäume und Kräuterbüsche. Auf einem Stück Rasen stehen ein paar Himmelbetten mit Gaze-Netzen, für die Open-Air-Siesta.

Die Tische des Zweitrestaurants Alberca befinden sich unter einem großen Zelt aus Kamelhaar. Dessen "Wände" sind meist aufgerollt, damit der warme Wind durch den offenen Raum streichen kann. Hier mischt sich die alte Gutsherrenwelt mit neomaurischem Chill-out-Ambiente.

Wer im Alberca isst, dem werden hauptsächlich traditionelle Happen aufgetragen, viele davon in Tapas-Schälchen. Der Küchenchef des Hotels, Rafa Morales, hat zwar sieben Jahre im El Bulli gearbeitet. Aber im Alberca lässt er andalusisch kochen und in andalusischer Keramik servieren, nur von Zeit zu Zeit erlaubt er sich eine modische Fußnote. Noch schnörkelloser geht es schließlich im dritten Lokal der Hacienda zu, dem Albacería. Hier gibt es vor allem Aufschnitt und ausgesuchte Konserven. Sehr feine Ware, sehr schlichter Aufzug. An der Wand hängen Stierkampf-Illustrationen, im Hintergrund läuft Flamencomusik.