Krimileser, die in den frühen Neunzigern die Augen offen gehalten haben, werden sich noch an die Romane John Harveys erinnern. Leider brachte sein damaliger deutscher Verlag Goldmann nur fünf Titel der insgesamt zehnbändigen Serie über Kriminalinspektor Charlie Resnick und seine Truppe aus Nottingham auf Deutsch heraus – es war die Ruinierung eines glänzenden Autors auf Raten. Harvey fesselte mit Genauigkeit der Milieuschilderung und seinen "brillant elliptischen Dialogen" (Ekkehard Knörer). Hinzuzufügen wären noch ein subtiler Sinn für die Gestaltung grotesker Situationen und ein lässig-knurriger Humor sowie Harveys Fähigkeit, einen Plot sogar ohne Mordfall (in Spezialbehandlung) temporeich und spannend zu entfalten. Mein Rat: Auf in die Antiquariate, Freunde!

Doch dabei muss es zum Glück nicht bleiben. Denn sechs Jahre, nachdem Harvey die hochge-lobte Resnick-Serie 1998 mit Last Rites beendet hatte, nahm er Anlauf zu einer Trilogie um den pensionierten Detective Inspector Frank Elder, die in Großbritannien inzwischen abgeschlossen vorliegt. Hierzulande tut jetzt dtv ein überfälliges Werk und veröffentlicht in der Übersetzung von Sophie Kreutzfeld den ersten Band von John Harvey unter dem nichtssagenden Titel Schrei nicht so laut (dtv, München 2007; 446 S., 9,90 €; im Original Flesh and Blood) , auf den noch im Herbst Schau nicht zurück (Ash and Bone) folgen soll.

So ein bisschen bibliografische Akribie hat der 1938 geborene Harvey allemal verdient; schließ-lich verweist das weitläufige, weitere acht Kriminalromane, zahlreiche Short Storys, circa 30 Western, Lyrik, Songs und Romane umfassende Werkverzeichnis des Jazzfans und -musikers darauf, dass Harvey viele Stimmen zur Verfügung stehen.

Vielstimmigkeit ist das Stichwort. Zwar folgt die Erzählung in Schrei nicht so laut der ebenso rastlosen wie unnachgiebigen Suche des aus seinem Ruhestand durch Albträume aufgeschreckten Inspektors Frank Elder. Er will das Schicksal einer jungen Frau aufklären. Eindringlichkeit und beklemmende soziale Dichte entstehen durch die Nebenhandlung, die Harvey lakonisch und einfühlsam, doch gänzlich frei von diesem herablassenden und ekelhaft wohlmeinenden Ton erzählt, der sich einzustellen pflegt, wenn von der "Unterschicht" die Rede ist. Shane Donald gehört von Geburt an zum white trash, wie man sie rüde in den Staaten nennt. Von Vater und Großvater missbraucht und verdroschen, fand der Sechzehnjährige erstmals Anerkennung beim kaum älteren Alan McKeirnan, der seine wechselnden Jobs als Rummelplatz-Helfer dazu nutzt, junge Frauen aufzureißen, buchstäblich. Vor vierzehn Jahren, als auch Susan Blacklock verschwand, hat Elder die beiden wegen Mord und Vergewaltigung überführt. Jetzt ist Shane auf Bewährung entlassen. Erneut verschwindet eine junge Frau, eine aufgeputschte Öffentlichkeit bläst zur Hetzjagd. Wieder scheint Shane ohne Chance. Doch wie er sich durchschlägt bis zur echten Bewährung, das könnte auch von Dickens geschrieben sein, allerdings ohne den philanthropischen Bratapfelduft des 19. Jahrhunderts.

Elder überprüft alle alten Spuren – und wird konfrontiert mit Trugschlüssen und Selbsttäuschungen. Der Wunsch, das eigen Fleisch und Blut, auf das der englische Titel mit einem Zitat aus King Lear anspielt, zu schützen, macht ebenso hilflos wie er zu letzter Kraftanstrengung anspornt. Das erfährt dieser kluge, warmherzige Mann am eigenen Leib. Was der Kriminalroman als Gesellschaftsroman leisten kann, zeigt Harvey genau beobachtend, vorurteilsfrei, auf hohem Niveau. Jeder führt bei ihm sein eigenes, ihm zukommendes Wort; nichts ist klischeehaft sauber. Gut, dass Harvey wieder da ist. Tobias Gohlis