Wer den schmal gewachsenen Mounir al-Motassadeq im Gerichtssaal, seinem Warteraum seit vier Jahren, erlebte, konnte sich kurzen Momenten des Mitleids nur schwer verschließen. Nach einem ersten Prozess hatte das Hamburger Oberlandesgericht den Marokkaner in den innersten Kreis der 9/11-Terroristen einsortiert - 15 Jahre Haft lautete damals das Urteil. Das gehe ein bisschen zu weit, befand daraufhin der Bundesgerichtshof. Die Hamburger verhandelten erneut und entschieden: Motassadeq gehöre wohl eher zum Helferkreis von Atta &amp - Co. das mache sieben Jahre Haft. Dies sei nun ein bisschen zu wenig, fanden die Bundesrichter. Man müsse Motassadeq zumindest dem Planerkreis zurechnen. Hamburgs Richter mussten also erneut sprechen.

15 Jahre, urteilten sie nun. Endgültig ist das nicht.

Man muss ja nicht gleich an den Würfelbecher im Richterzimmer denken, aber der Eindruck, dass die Justiz bei Behandlung des schlimmsten Terroranschlags aller Zeiten politisch getrieben war, ist sicher nicht falsch. Unumstößliche Beweise für Motassadeqs Mitwisserschaft gibt es bis heute nicht (dafür freilich eine eindrucksvolle Kette von Indizien). Ein wichtiger Entlastungszeuge, den das US-Militär festhält, durfte nicht gehört werden. Lediglich das Fax-Protokoll einer Vernehmung bekamen die Richter und verwerteten es mit der Begründung, Guantánamo stelle keine "besonders gewichtige Menschenrechtsverletzung" dar. Nein, man muss kein Mitleid mit Herrn Motassadeq haben. Aber die langsame Verschiebung rechtsstaatlicher Gewichte auch im deutschen "Antiterrorkampf", die darf man schon bedauern.