Was für eine Nacht. Er ist ein Ausgestoßener, ganz allgemein, weil er ein Raucher ist. An diesem Abend aber auch ganz speziell, weil die Gästeliste nur Nichtraucher aufweist und er auf den Balkon verdammt wird. Den Genusssüchtigen vergessen die Freunde, verlassen die Wohnung. Nun steht er da, ausgeschlossen aus der wärmenden Gemeinschaft, eine kühle Aprilnacht lang.

Wüsste man nicht, dass Rauchen kreativ macht, dass wir rund die Hälfte der Literatur nur den Musen Tabak und Alkohol verdanken, wir würden es in diesem Buch von Mark Kuntz erfahren. Denn da ist nichts auf diesem Balkon, nichts außer einem von Regenschauern durchtränkten Zitronenbäumchen, rund 30 Zigaretten, einer Kiste Rotwein und dem Icherzähler. In den Schwaden seiner Zigaretten zieht sein Raucherleben vorbei. Damals, beim Übergang vom Kindergeburtstag zu den Feten, bei denen lässig mit der ersten Zigarette in der Hand der Übergang zum Erwachsenenleben gefeiert wurde. Als Mannbarkeitsritus. Die Geschichte von dem Jugendlichen, dem die Zigaretten in den See gefallen sind und der nun jede einzelne "Lulle" in der Sonne trocknet. Die von der ersten Liebe, die von der nur rauchend bestandenen Krise. Haben Nichtraucher ein ähnlich wild durchlebtes, qualvoll durchlittenes Leben, fragt sich der Held auf dem Balkon.

Klar, dass der Autor in der Einheit von Raum, Zeit und Handlung hier ein klassisches antikes Drama durchspielt. Ein ergreifend komisches. Mit einem Happy End. Der Ausgestoßene sieht den abstinenten Gastgeber morgens um sechs verzweifelt nach einer Zigarette grapschen.

Mark Kuntz, Jahrgang 1962, Diplompsychologe, hat einen hübschen Abgesang auf eine aussterbende Spezies geschrieben. Eine Elegie auch auf versinkende Epochen mit Herrenzimmern und Rauchersalons, mit verqualmten Clubs, Literatenzirkeln und Helden wie Hans Castorp, der in Thomas Manns Zauberberg noch grübeln durfte: "Wenn ich morgens sagen müsste: Heute gibt’s nichts zu rauchen – ich glaube, ich fände den Mut gar nicht aufzustehen."

Ein Buch, das rebelliert gegen all die scheinbar Sündelosen, die heute die Staatsanwälte und Platzverweiser spielen dürfen, statt, so der Autor, sich um Wichtigeres zu kümmern. Und ein Text, der sich nicht bekehren lässt zu politischer, sozialer und medizinischer Correctness.

Ach, auf was wir alles verzichten müssten, wenn wir nicht die Qualitäten des Durchhaltens und der Beständigkeit besäßen: diese herrliche frische Luft auf den Balkons. Das Drehen einer ganzen Wäscheleine aus Tabak, an der wir, sinnend und schreibend, unsere Gedanken aufhängen, Kräuselwolken der Fantasie. Eugénie Bott