Der Irakkrieg lässt sich als Geschichte des amerikanischen Selbstbetrugs erzählen. Es begann mit der Vorstellung, im Irak lagerten Massenvernichtungswaffen. Saddam Hussein sei ein Förderer der Terrorgruppe al-Qaida. Der Krieg werde ein Spaziergang. Die Amerikaner würden als Befreier mit Rosen empfangen. Sechs Monate nach der Invasion gebe es eine irakische Regierung, und die Truppen könnten beginnen abzuziehen. Als dieser Plan scheiterte, sollte binnen zwölf Monaten eine Interimsregierung gebildet, eine Verfassung entworfen und ratifiziert sowie eine Wahl abgehalten werden. Vor einem Jahr sollte es ein Jahr dauern, um genügend irakische Polizisten und Soldaten zu trainieren, damit die amerikanische Truppenstärke auf 100000 reduziert werden könne. Nun, ein Jahr später, soll die Truppenstärke nicht reduziert, sondern erhöht werden. Aber nur, um sie in absehbarer Zeit wieder reduzieren zu können.

Für den Plan zur Truppenverstärkung, den Präsident George Bush am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) vorstellen wollte, gibt es ein schönes englisches Wort: too little, too late. Zu wenig, weil ein paar Brigaden zusätzlich dem Irak keinen Frieden bringen können. Als die Nato den Kosovo besetzte, schickte sie 40000 Soldaten, um unter zwei Millionen Menschen die Gewalt zu ersticken. Nach diesem Schlüssel müssten im Irak eine halbe Million Soldaten stehen. Selbst wenn ein Magier die Divisionen im Dutzend in Marsch setzen vermöchte, so kämen sie zu spät. Vor drei Jahren, vielleicht vor zweien, hätten sie etwas bewirken können. Damals bestand der relativ kleine Kreis der Aufständischen überwiegend aus Saddamisten und Osamisten. Heute gebärden sich Freischärler und Terroristen als antikoloniale Freiheitskämpfer und entfesseln zudem einen konfessionellen Bürgerkrieg. Da wissen amerikanische Soldaten kaum noch, wo die Kugeln herkommen und wer der Feind ist.

Dass Bushs militärische Strategie zweifelhaft ist, hatten ihm seine führenden Generäle attestiert bevor er sie des Amtes enthob. Seine politische Strategie führt in die Isolation. Mark Halperin von ABCNews schätzt, dass im "Kreis der 500 wichtigsten Entscheidungsträger" 494 Bushs neue Strategie ablehnen werden. Geblieben ist Bush ein kleiner Falkenhorst im Senat: John McCain, Lindsay Graham und Joseph Lieberman. Auch Hillary Clinton hat sich noch nicht offen distanziert.

Er darf die ideologisch reinen Streiter vom Weekly Standard (Auflage: 83000) zu seinen Unterstützern zählen und auch das rechte Denkerstadl vom American Enterprise Institute. Es sind die letzten Getreuen. Die Idee der Truppenverstärkung spaltet nämlich sogar die eigene Partei.

Es plagen die Abgeordneten Gewissen und Verantwortung gegenüber den Wählern. Als Nancy Pelosi in ihrer ersten Rede als neue Sprecherin des Abgeordnetenhauses den graduellen Truppenrückzug forderte, applaudierten eben nicht nur Demokraten.

Weil George Bush Macht und Mittel fehlen, dürfte sein neuer Plan scheitern wie dessen Vorläufer und am Ende nur den Rückzug beschleunigen.