Und wir gleiten vorüber am fedrigen Laub der Bambuswälder. Das Wasser verbirgt seine Strömung unter spiegelglatten Flächen, die wie Schollen an der Oberfläche treiben. Um uns ist es grün und braun und schieferschwarz. Und neben uns die weißen Sandbänke der Ufer, in die der Fluss Stufen bricht. Das Schiff zieht uns in Kurven an die Reling, stößt uns in Kurven von der Reling. Sobald Sonne durch den Morgennebel bricht, brennt die Hitze. Und der grüne Streifen, der kein Ende nimmt, steil aufragt, hinter der nächsten Biegung abfällt, der grüne Streifen Ufer, über Zeiten, Königreiche und Grenzen hinweg. 

Herr Hu hat uns am Flughafen von Jinghong erwartet, dem Ausgangspunkt unserer Reise, einer chinesischen Kleinstadt mit 10000 Einwohnern. Neben Herrn Hu stand Hans Engberding, der Veranstalter, und rauchte. Er erzählte, dass er die Reise, die zum vierten Mal stattfindet, zum vierten Mal begleitet, viermal Jinghong–Luang Prabang, auf den braunen Wassern des Mekong. Dass sein Ziel ist, ein Viertel seiner weltweit jährlich 8000 Gäste persönlich kennenzulernen. Hans hat Lehramt studiert, anschließend keine Stelle gefunden und irgendwann angefangen, in Zügen nach Moskau Deutschen Russisch beizubringen. 20 Jahre ist das her. Er stammt hörbar aus Westfalen, trägt das Haar zu einem Bürstenschnitt gestutzt, dazu eine Lego-bunte Brille. Eine kleine Lücke zwischen seinen Schneidezähnen lässt ihn sehr charmant aussehen, wenn er lächelt.

Am ersten Tag besuchten wir einen nahe gelegenen Markt. Wir schlenderten vorbei an Pyramiden aus Obst und Gemüse. Herr Hu, der chinesische Führer, deutete auf ein blutiges Stück Fleisch am Boden und sagte: "Haha, ein Hund." Anschließend sahen wir ein sepiastaubiges Dorf der ethnischen Minderheit der Dai: Hinayana-Buddhisten, die in Stelzenhäusern leben, unten die Tiere, oben die Menschen, manchmal mit Satellitenschüsseln und Flachbildschirmen. Herr Hu sagte: "Die Dai-Minderheit kennt keine Sparsamkeit, nur Singen, Tanzen und Schnaps." Die kulturelle Darbietung der Minderheit entfiel. Unsere wirkliche Reise begann am nächsten Morgen.

Er sieht traurig aus, herbstschwer, wenn über ihm noch kalte Nebelschleier die Streben der Mekongbrücke weichzeichnen. Bis zur nächsten Brücke in Vientiane sind es tausend Kilometer stromabwärts. Kein Mensch hat den Mekong je komplett befahren. Selbst von Jinghong aus ist er erst schiffbar, seit die Chinesen vor zwei Jahren Felsen aus dem Flussbett gesprengt haben. Hans sagt, dass er den ersten Streckenabschnitt bis Chiang Saen, wo Myanmar, Laos und Thailand das so genannte Goldene Dreieck bilden, in Zukunft "Expedition" nennen will, "weil eine Expedition immer durch wilde Lande führt". Auf wildem Gerät. Die Mekong Prince war früher ein Karaoke-Kreuzer, woran eine Pkw-große Satellitenschüssel erinnert. Nachts, wenn wir am Ufer vor Anker liegen, haben wir weder Strom noch Trinkwasser. Es gibt drei Decks, eine Art Empfangsraum, einen Speisesaal und ganz oben ein Sonnendeck mit fest installierter Bestuhlung in Sanitärgrün. Unterwegs wirkt es manchmal, als trage jemand ein Mekongpanorama an einer Pommesbude in Bottrop vorbei, wo wir an Zweiertischen sitzen und Bier trinken.

Für Menschen, die über Bord gehen, sieht es schlecht aus im Mekong. "Die Chinesen haben zu mir gesagt: Hans", sagt Hans, "du brauchst hier keine Rettungswesten. Wenn jemand ins Wasser fällt, überlebt er sowieso nicht. Die Strömung, die Felsen, das kalte Wasser, das aus Tibet kommt." Es gibt sie dann doch, baumwollweiße Brustgurte mit Auftriebelementen, die uns einer Fetischparty mit größerer Zuversicht entgegenblicken lassen als einem Schiffbruch. Hans hat die Reling um zwei Geländerstufen erhöhen lassen. Vorher erreichte sie nur mitteleuropäische Kniehöhe.

Der Mekong führt nicht viel Wasser um diese Zeit. Im Laufe eines Jahres schwankt der Pegel um bis zu 15 Meter. Gegenverkehr ist selten. Frachtschiffe, ein paar Speedboote aus Thailand. Immer wieder müssen uns Lotsenboote den Verlauf der Fahrrinne durch die Sandbänke weisen, während wir liegen und warten und auf den grünen Streifen starren, der irgendwo hinter Guan Lei, dem letzten chinesischen Hafen, am rechten Ufer Myanmar wird. Der Streifen sieht aus wie China, ebenso wie Laos, das am linken Ufer durch ein schaukelndes Grenzrettungsboot nebst einer blauen Fahne, die schlaff von ihrem Mast hängt, auf sich aufmerksam macht. Wir verlassen China, ohne anzukommen. Die beiden Ufer sind bis Chiang Saen ein Niemandsland ohne staatliche Kontrolle.

Die Dörfer entlang der Strecke sind auf den meisten Karten falsch eingezeichnet. In manchen von ihnen legen wir an. Hans überreicht Hefte, Stifte und Fußbälle für die Kinder der Dorfschule. Die Kinder singen ein Lied. Anschließend dürfen wir fotografieren. Hans sagt, die Menschen hätten vor vier Wochen zum ersten Mal Europäer gesehen. Wir sehen zum ersten Mal Frauen, die ihre Hüte mit französischen Münzen aus dem 19. Jahrhundert schmücken, ihre Kinder an der nackten Brust tragen und als Geschenk rohe Eier überreichen. Viel mehr erfahren wir nicht. Die Kinder bleiben am Ufer stehen, während wir an Bord zu Mittag essen, während wir ablegen. Sie stehen und winken, bis wir hinter der nächsten Biegung des Flusses verschwunden sind. Die fünfte Begegnung mit Europäern wird nicht lange auf sich warten lassen.

Am Nachmittag wechseln die Schatten hoher Berge in den Kurven, die wir schlingernd passieren, während der Motor brummt wie ein verärgertes Tier, dichte Rauchwolken schnaubend. Die Ufer leuchten grün auf grün über grün in grün. In Myanmar berührt die wärmende Sonne noch die Spitzen der Bäume, ehe es vorbei ist und die Temperatur rasch in Terzen fällt. Der Sand trägt die Spuren verschwundener Menschen und Tiere. Die Fahrt ist ein schneeweiches Kurvengleiten, bis wir anlegen und die Motoren schweigen, bis das Beben der Böden endet.

Die chinesische Besatzung hat im Dorf ein Schwein gekauft, das auf dem Vorderdeck liegt und schreit, ehe es nach Einbruch der Dunkelheit sein Leben lässt und am Spieß über offenem Feuer kross brät. Unterdessen hält Hans bei prilgrünem chinesischem Schnaps und Kräuterlikör aus Wegwerfgläsern einen kurzen Vortrag über die Geschichte des Opiums, zur Einstimmung auf die Landung im Goldenen Dreieck. Dann sagt er: "Morgen zum Frühstück üben wir mit meinen Chinesen mal die Spiegeleier auf Bestellung. Wer hat Interesse?" Er sagt, dass es schwer ist, in China gutes Personal zu finden. Und dass seine Köchin die einzige Frau zwischen Jinghong und Chiang Saen ist, die Filterkaffee kochen kann. Zum Frühstück gibt es ein Glas Nutella aus Deutschland.

Für den nächsten Morgen sieht das Programm einen Landgang in Myanmar vor. Ein kühnes Unterfangen. Niemand von uns besitzt ein Visum. Hans sagt, er verlasse sich voll auf seine Chinesen. Mit den Chinesen, sagt Hans, wolle es sich keiner in der Region verscherzen. Wir allerdings sind keine Chinesen. Herr Hu schweigt. Tatsächlich erteilt uns ein Mann, der in einem kleinen Steinhaus am Ufer sitzt und aus einer ungeklärten Befugnis heraus Passierscheine erstellt, die Erlaubnis, an Land zu gehen. An dieser Stelle löst sich das Ich einen Augenblick lang vom Wir und denkt: Wenn ich hier entführt, geraubt oder ermordet werde und herauskommt, dass ich nur mit dem Passierschein eines Mannes von fragwürdiger Kompetenz myanmarischen Boden betreten habe, werden sie zu Hause an meinem Grab stehen und lachen. Der Gedanke behagt mir nicht. Dann kehrt das Ich zur Gruppe zurück und besucht trotzdem den Pagodenwald, der in keinem Reiseführer steht, von dem auch keiner weiß, wie er heißt, weil keiner von uns birmanische Schriftzeichen lesen kann. Aber es gibt eine stattliche Anzahl pflanzenüberwucherter Pagoden, deren Spitzen golden in der Sonne glänzen, Wasserbüffel und giftige Pflanzen. Und es geht gut.