Wildbad Kreuth Niemand in der Parteispitze glaubt noch an Edmund Stoiber aber alle unterstützen ihn. Kein Wort ist zu groß, kein Berg ist zu hoch, um diese frohe Botschaft zu verkünden. " Edmund Stoiber ist und bleibt die Nummer eins in unserer Partei und in Bayern." So hat es das CSU-Präsidium Anfang der Woche in München beschlossen. " Bayerns Spitze: Edmund Stoiber 2008." So stand es auf einem Plakat, das sechs junge CSU-Abgeordnete am vergangenen Sonntag auf dem Gipfel der Zugspitze entrollten. Wenn sie so weitermachen, die Ramsauers und Seehofers, die Hermanns und Becksteins, dann werden sie demnächst noch in Zweierreihen über den Franz-Josef-Strauß-Ring in München paradieren und vor der Bayerischen Staatskanzlei skandieren: "Edmund, wir stehen hinter dir." So geschlossen war die CSU noch nie. Niemand glaubt noch an Edmund Stoiber: Seine Umfragewerte sind im Keller. Sein Ansehensverlust ist enorm. Und die Hoffnung, dass sich das noch einmal ändern könnte dass aus dem Zappler und Zauderer, über den die Komödianten ihreSpäße machen, noch einmal ein ernst zu nehmender Politiker werden könnte , ist auch in den eigenen Reihen gering. Aber niemand stürzt Stoiber. Keine Hand greift nach der Macht. Keine Intrige ist in Sicht. Stattdessen verkündet der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Peter Ramsauer, lustig: "Wir stehen voll und ganz hinter Edmund Stoiber, wenn von hinten geschossen wird.

Wir stehen vor ihm, wenn von vorn geschossen wird, und wir stehen um ihn herum, wenn von allen Seiten geschossen wird, wie derzeit." Selten hat eine Partei so entrückt gewirkt wie die CSU in dieser Woche auf ihrer Klausurtagung in Wildbad Kreuth.

Hier, im Tegernseer Tal, am Fuße der Blauberge, wo alles Kulisse ist, haben die Bundestagsabgeordneten der CSU drei Tage lang über Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Gesundheitsreform diskutiert, sie haben Positionspapiere verabschiedet und Gäste empfangen, unter ihnen der Chef der britischen Konservativen, David Cameron. Nur eine Frage haben sie ausgeklammert von der Tagesordnung und verbannt auf die Flure. Aber dort wurde von nichts anderem gesprochen. Es ist die entscheidende Frage für die Zukunft ihrer Partei: Wie soll das mit Edmund Stoiber weitergehen?

Vielleicht muss man, um den Wahnsinn zu verstehen, auf Alois Glück achten. Glück war Vorsitzender der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, als Ministerpräsident Max Streibl vor 14 Jahren zurücktrat, von Affären gebeutelt, von der Partei fallen gelassen. Er kennt Edmund Stoiber seit mehr als drei Jahrzehnten. Glück war skeptisch, als Stoiber 1993 Ministerpräsident wurde und dabei den damaligen Parteichef Theo Waigel ausbootete. In der Funktion des Fraktionschefs hat er ihm dennoch zehn Jahre lang den Rücken frei gehalten. Glück ist ein kluger Vertreter der Lehre von der CSU als weiß-blauer Staatspartei, ein unabhängiger, aber loyaler Kopf. Wie kaum ein anderer kennt er die Stärken und Schwächen Stoibers. Er sieht, wie sehr dessen Image in den vergangenen Monaten gelitten hat, und er weiß auch, dass ein solcher Autoritätsverlust nicht per Präsidiumsbeschluss gestoppt werden kann. Deshalb hat er Stoiber am Wochenende öffentlich gewarnt. Er hoffe, sagte Glück, "dass bei Herrn Stoiber der Wechsel zum Zeitpunkt Xgelingt, ohne Brüche".

Brüche hinter diesem Wort verbirgt sich die ganze Angst der CSU. Es ist die Angst vor einem offen ausgetragenen Nachfolgekampf, wie er 1993 für ein paar Wochen zwischen Edmund Stoiber und Theo Waigel tobte. Es ist die Angst einer 60-Prozent-Partei, die keine Opposition fürchten muss, wohl aber Querschläger in den eigenen Reihen. Brüche sind das, was CSU-Strategen wie Glück um jeden Preis vermeiden wollen.

Brüche sind das Gegenteil von Geschlossenheit. Deshalb hat Glück den Ministerpräsidenten am Wochenende zwar gewarnt, aber am Montag stand er in der CSU-Zentrale gleich neben Edmund Stoiber und erläuterte, dass dieser trotz aller Zweifel die Nummer eins sei und bleibe. Der Zeitpunkt X, der Tag für den Wechsel, so muss man Glück wohl verstehen, ist noch nicht gekommen.

Die CSU zweifelt, sie hat das Vertrauen schon verloren, und dennoch will sie 2008 noch einmal mit Edmund Stoiber in die Landtagswahl ziehen. Hinter diesem handfesten Widerspruch verbirgt sich eine nüchterne Kalkulation und eine große Hoffnung. Solange die Partei in den Umfragen trotz Stoiber stabil über 50 Prozent liege, sagen die Strategen, wäre ein Wechsel an der Spitze vor der nächsten Landtagswahl riskanter als der Versuch, die Wahl mit einem angeschlagenen Spitzenkandidaten zu gewinnen. Man müsse Stoiber dann ja nicht mehr ganz so groß auf den Wahlplakaten zeigen. " Wir haben auch schon andere Spitzenkandidaten erlebt, die nicht von Anfang an auf Begeisterung gestoßen sind", sagt einer der Parteigranden.