Ernest Hemingway hat der Nachwelt einen Klassiker hinterlassen: die nobelpreisgeehrte Erzählung Der alte Mann und das Meer. An diese Novelle erinnert seit Monaten das Bemühen der Koalitionäre, ihr sozialpolitisches Prestigeprojekt, die Gesundheitsreform, um jeden Preis zu retten.

Hemingway erzählt von einem Fischer, der sich ungewöhnlich weit auf den Ozean hinauswagt, um endlich den ganz großen Fang zu machen.

Tatsächlich gelingt es dem mutigen Mann, weit draußen einen gewaltigen Fisch zu erlegen - für lange Zeit hätten die Bewohner seines Dorfes daran zu essen und ihm selbst würden Ruhm und Ehre zuteil. Ähnlich weitreichende Motive mögen die schwarz-rote Regierung im November des Jahres 2005 bewogen haben, sich ans Umkrempeln des hiesigen Gesundheitssystems zu machen. " Leistungsfähig", "demografiefest", "qualitativ hoch stehende Versorgung", "solidarische und bedarfsgerechte Finanzierung" diese hehren Ziele schrieben sich die Politiker in ihren Koalitionsvertrag und formulierten später ähnlich ambitionierte Eckpunkte zum Gesetz. Hoffnungsvoll feierte Kanzlerin Angela Merkel den Beginn der gemeinsamen Reformbemühungen als "wirklichen Durchbruch".

Nun ist die Tragik des Hemingwayschen Fischerschicksals bekannt: Während der alte Mann den Fang in den heimatlichen Hafen zu schleppen versucht, greifen die Haie an und entreißen ihm Stück für Stück seine Beute. Im Hafen sind von dem spektakulären Fisch nur noch die Gräten übrig - der Alte ist zu Tode erschöpft. Für die Gesundheitsreform und ihre Protagonisten zeichnet sich Ähnliches ab. Die anfängliche Euphorie ist verflogen. Mächtige Lobbyisten haben an den Eckpunkten gezerrt, und sogar Ministerpräsidenten machten sich zu Lautsprechern von Interessengruppen.

Die Koalitionäre selbst stritten zuweilen mit ins Persönliche gehender Aggression, weshalb die Beute mehrmals zu versinken drohte und mit ihr die Fischer. Jetzt, kurz vor dem Ende des turbulenten Gesetzgebungsverfahrens, hat das Großprojekt so viel an Substanz verloren, dass selbst der interessierteste Bürger nicht mehr erkennen kann, was die schwarz-rote Regierung in den Hafen zu schleppen versucht. Benommen vom Wechsel zwischen Panikmache und Schönrederei, ist für die am Ufer Stehenden nur eines klar: Sie zahlen deutlich höhere Versicherungsprämien die gesetzlich Versicherten seit dem 1.

Januar, die Privaten wahrscheinlich etwas später ohne ein spürbares Mehr an Leistungen dafür zu bekommen. " Nüchtern betrachtet", sinnierte Niedersachsens Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) jüngst im Bundesrat, erreiche die Große Koalition "keines der erklärten Ziele".

Tatsächlich schlingerte das Boot der Koalitionäre von Anfang an, hin- und hergeworfen von den unterschiedlichen gesundheitspolitischen Konzepten der notgedrungen gemeinsam Steuernden. Die SPD peilte die steuerfinanzierte Bürgerversicherung an, die Union hielt seit ihrem Leipziger Parteitag Kurs auf die Kopfpauschale. Inzwischen ist von dem großen Gesundheitskompromiss aus jener langen Nacht zum 3. Juli 2006, in der der Fisch sozusagen gefangen worden war, wenig übrig geblieben.