Der Jänner ist eine traurige Zeit. Langsam lässt die Vanillekipferlvergiftung der Feiertage nach, und trotz Klimaerwärmung wollen keine Frühlingsgefühle aufkeimen. Themen wie die bevorstehende Regierungsbildung mit wenigstens einem halben Kulturminister können uns auch nicht so recht belustigen. So geht man also daran, sich eigene spannende Dinge zu erfinden. Mit untauglichen Mitteln, wie sich anhand der lahmen Diskussion, ob nun angesichts des Films Mein Führer Hitler endgültig ein Opfer der Spaßgesellschaft geworden ist, herausstellt. Es gibt aber Gott sei Dank ein Brauchtum, das sich tapfer jedem Anflug von Humor widersetzt – die Wiener Ballsaison. Schon der Anblick der dekorativsten Roben des diesjährigen Faschings lässt weder Spaß beim Betrachten noch bei der Vorstellung, sie tragen zu müssen, aufkommen. Lediglich die Gewissheit, die bewährten Society-Ladys in derartigen Stoffungetümen schwitzen zu wissen, scheint irgendwie amüsant. Die Namen einiger Bälle, wie Alt-Hietzinger Bürgerball oder Ball der Altschotten erlauben zu erahnen, wie weit vom Spaß entfernt die jeweilige Veranstaltung ist, deren Stimmungsbarometer an den Friedhof der Namenlosen gemahnt. Während der Fernsehübertragung des sogenannten Höhepunkts des Faschings, des Wiener Opernballs, wird dann der alte Kalauer "Was ist fader als Fischen? Beim Fischen zuschauen!" nahtlos auf das Tanzen umgemünzt. Die Polonaise als Ausdruck von Leidenschaft und die dazugehörigen Stimmungstöter alias TV-Moderatoren tun ihr Übriges. Es bleibt eine letzte Hoffnung. Die Menschen vor den Fernsehschirmen könnten irgendwann einmal der Spaßgesellschaft überdrüssig werden. Doch einstweilen beweisen die hohen Einschaltquoten der Opernballübertragung noch jedes Jahr, dass kollektive Langeweile immer beliebter wird. Zumal im Fasching. An dieser Erkenntnis wird auch der neue Kanzler mitsamt seinem Dreamteam nicht rütteln können.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben "

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