Zirndorf Sie sagt nur, was sie denkt: Gabriele Pauli BILD

Die erste Geschichte von der Angst, die Gabriele Pauli erzählt, geht so: Eine junge Frau hat nur noch vier Tage zu leben, am Morgen des fünften, sagt ihr Arzt, wird die Krankheit sie getötet haben. Vier Tage lang lebt die Frau, wie sie nie gelebt hat, dann legt sie sich zum Sterben. Doch auch am fünften Morgen erwacht sie aus dem Schlaf. Ich wollte, sagt der Arzt, dass Sie endlich zum Leben finden. Sie waren nicht krank, Sie haben nur nicht gemerkt, dass Sie gesund sind. Die Episode hat Pauli nicht selbst erlebt. Sie hat sie gelesen, sagt sie, in einem Buch des brasilianischen Schriftstellers Paulo Coelho, dessen leicht kitschige, magisch animierte Lebensparabeln eine weltweite Fangemeinde haben. Was ihr an der Frau gefällt? »Sie hat zum ersten Mal frei gelebt.« Was Pauli mit Coelho verbindet? »Gottvertrauen.«

Paulis zweite Geschichte von der Angst geht so: Als Chefin des Landratsamts Fürth hat sie mit ihren Abteilungsleitern ein Führungskräfte-Wochenende gebucht. Dafür besuchten sie einen Hochseilgarten. Weit oben über dem Boden mussten sie da balancieren. Natürlich waren sie angegurtet. Es konnte nichts passieren, selbst bei einem Fehltritt. Trotzdem hatten die Kletterer Angst. Pauli sagt, damals habe sie gemerkt: Angst macht man sich selbst. »Und wenn man Angst hat, verhält man sich nicht mehr so, wie’s der eigenen Wahrheit entspricht.«

Ist es damit schon heraus, das Geheimnis, nach dem alle suchen, alle fragen, die derzeit ins Örtchen Zirndorf bei Fürth kommen, um sich Deutschlands berühmteste Landrätin aus der Nähe anzusehen? Wie kann eine alleinstehende Mutter und Provinzpolitikerin seit fast vier Wochen die unerschütterliche bayerische Staatspartei so aufrühren? Seit vier Wochen steht diese Frau fast jeden Tag in den Zeitungen, erst den kleinen, inzwischen auch den großen. Ihre Forderung: Es ist Zeit für Edmund Stoiber, in den Ruhestand zu gehen. Das denken viele in der Partei, nur zu sagen traute es sich niemand. Der einfache Grund für die durchschlagende Wirkung der Landrätin Dr. Gabriele Pauli lautet: Sie kennt keine Angst.

Wer die Angst nicht kennt, lebt gefährlich – ist aber auch ein gefährlicher Gegner. Vier Wochen lang hat sich der Gottvater, Ministerpräsident und Parteivorsitzende der CSU gewunden, um die persönliche Aussprache zu vermeiden, die Pauli von ihm forderte. In dieser Zeit hat Gottvater seinen Büroleiter opfern müssen, weil dieser der Landrätin offenbar Alkohol- und Männerprobleme anhängen wollte; er musste erdulden, dass die Welt am Sonntag ein Interview mit ihm nicht abdruckte, weil er sich weigerte, zwei harmlose Fragen zu Frau Paulis Anliegen zu beantworten; und in panischer Eile lässt Edmund Stoiber die Aufstellung von Edmund Stoiber für die nächste Landtagswahl vorziehen. Wenn es also je den Plan gab, Gabriele Pauli zu ignorieren, dann ist er fehlgeschlagen.

Aber gleich, wie die Auseinandersetzung zwischen der Landrätin und dem Ministerpräsidenten ausgehen wird, schon jetzt hat Stoiber die Richtigkeit des Charakterurteils unter Beweis gestellt, das Gerhard Schröder in seinen Erinnerungen über ihn abgab. Sinngemäß lautet es: Ein Mann von großen Gaben, der verkrüppelt ist von seiner Zaghaftigkeit.

Und so stehen sich in dieser Auseinandersetzung zwei seltsame Kontrahenten gegenüber. Paulo Coelho würde es vielleicht so ausdrücken: Ein Mann an der Macht, regiert von der Angst, kämpft gegen eine Frau ohne Einfluss, aber auch ohne Furcht.

Natürlich kann man den Konflikt zwischen Pauli und Stoiber auch in andere Kategorien fassen. Es ist ein Generationenkonflikt, in dem die Riege der Mittsechziger, der Strauß-Enkel, gegen die Endvierziger steht, die Generation Pauli. Es ist ein Regionalkonflikt, in dem Paulis Heimat Franken gegen die CSU-Stammlande Ober- und Niederbayern steht. Weil im einst roten Franken die Schwarzen nicht automatisch siegen, hört man hier sorgfältiger auf Unmutsregungen im Volk. Und im Verborgenen ist es auch ein Richtungskonflikt um die Zukunft der CSU. Mit einem rigiden Sparkurs trägt Stoiber Unruhe in seine christlich-soziale Wohlfühlpartei. All das schwingt mit im Streit um Stoibers Zukunft. Doch wenn Pauli nicht irgendwann im vergangenen Sommer den Mund aufgemacht hätte, herrschte heute noch Grabesruhe. Dabei ist es nicht so, dass sie keine Fehler machen würde. Sie macht sogar viele, stilistische, taktische, politische. Sie hat sich den seriösen Medien verdächtig gemacht, als sie sich von der Bild am Sonntag beim Christbaumschmücken ablichten ließ (und BamS dichtete: »Bei Edmund Stoiber brennt der Baum!«). Sie knipst ein Lächeln an, wenn Fotografen sie blitzen, weil man das als Landrätin eben macht – und übersieht, dass es in einem Machtkampf frivol aussieht. Und sie ringt mit der unablässigen Ausweitung der Kampfzone.

Im Herbst stritt sie für eine Mitgliederbefragung über Stoibers erneute Spitzenkandidatur, vor Weihnachten musste sie sich in der Spitzelaffäre zur Wehr setzen, im neuen Jahr trat sie – fast nebenbei – eine Diskussion über Edmund Stoibers Frauenbild los: »Männer, die noch ein klassisches Rollenbild haben, können oft nicht verstehen, dass Frauen auf gleicher Ebene mit gleicher Kompetenz mitreden.« Viele CSU-Frauen waren empört. Aber Pauli zielt nicht auf taktischen Vorteil. Gerade das macht die Taktiker in Stoibers Staatskanzlei so kirre. Paulis Taktik besteht daraus, untaktisch zu sein. Sie hat keine Angst, nicht einmal vor ihren eigenen Fehlern. Sie macht einfach weiter.

Pauli sagt: »Man versucht, mich kleinzukriegen.« Aber sie sagt auch: »Ich lebe im Bewusstsein, mir kann nichts passieren.« Die Landrätin ist 49 Jahre alt, gelernte Diplomkauffrau und dreimal vom Volk direkt gewählt worden. Sie fährt einen Audi quattro, ist zweimal geschieden, ihre Tochter macht demnächst Abitur. Sie spricht über ihr Leben wie über den Hochseilgarten. »Man hat im Leben vor Dingen Angst, obwohl man immer gesichert ist. Wir sind alle gesichert, wir haben alle unser Seil nach oben, wir fallen nicht.« Ein Seil nach oben? »Gottvertrauen. Man braucht im Leben keine Angst zu haben, vor nichts, vor nichts. Und das macht einen frei.« Und wenn der Absturz doch kommt, irgendwie? »Ich habe keine Angst vor der Tiefe«, sagt Pauli. Sie habe schon Tiefen erlebt, »das sind gute Phasen im Leben, weil sich da was klärt. Ich lerne immer weiter.«

Es klingt ein wenig nach Brigitte Woman, der Zeitschrift für Frauen, die herausgefunden haben, was sie wollen. Pauli spricht die Sprache der Befreiung aus fremd- wie selbstverschuldeter Unmündigkeit. Männer finden diese Sprache oft ein bisschen lächerlich. Das macht sie manchmal taub für die Welt der Frauen. So taub wie Edmund Stoiber.

Gabriele Pauli probiert, was passiert, wenn man einfach nur seine Meinung sagt. In der Politik ist das ein Wagnis. Und gerade darum ist so erstaunlich, mit welcher Konsequenz sich das Experiment vor aller Augen entfaltet.

Über sich sagt Pauli: »Ich weiß: Was ich sage, ist richtig.« Über Stoiber sagt sie: »Ich kämpfe eigentlich nicht gegen ihn.« Wofür dann? »Mein Ziel ist, dass die Leute wieder freier werden zu sagen, was sie denken.« Die Urteile darüber in der Öffentlichkeit schwanken zwischen zwei Extremen: Pauli ist unglaublich naiv – oder unglaublich durchtrieben. Die einen sehen sie schon am Ende, die anderen als neue Ministerpräsidentin. Mindestens auf einen Kabinettsposten aber, spekulieren die meisten Beobachter, wird sie’s schon abgesehen haben. Da kann sie noch so oft sagen: »Ich trete 2008 wieder als Landrätin an.«

Eine zweite Frage spaltet die öffentliche Meinung: Wie hoch ist ihr Einsatz? Sie riskiert fast alles, meinen die einen, sie riskiert fast nichts, glauben die anderen. Edmund Stoiber hat gegen die Parteifreundin aufgefahren, was einem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden zu Gebote steht. Zuletzt hat er versucht, sie zu kaufen: »Ich werde ihr anbieten, konstruktiv mitzuarbeiten.« Zuvor hatten er, sein Büroleiter Höhenberger und sein Generalsekretär Söder die übrige Klaviatur bemüht. Erst Demütigung: Alkohol? Männerprobleme? (Der Büroleiter.) Dann Herablassung: Zum Bespitzeln , so Stoiber zu Pauli im CSU-Vorstand, »sind Sie gar nicht wichtig genug!« Dann Verachtung: »Frau Pauli ist nicht die CSU und wird es niemals werden.« (Der Parteivorsitzende.) Dann Einschüchterung: »Parteischädigend.« (Der Generalsekretär.) Dann Häme: »Kann ihren Antrag in ihrem Wohnzimmer stellen.« (Der Generalsekretär.) Dann Diffamierung: »Egotrip.« (Der Generalsekretär.)

Pauli kennt Söder, den Generalsekretär, gut. Er kommt auch aus Franken. Sie sagt: »Es nutzt nichts, wenn er mich angreift, weil viele andere genauso denken wie ich.« Tun Pfeile wirklich nicht weh, nur weil man nicht an sie glaubt? Oder spürt man bloß den Schmerz nicht, und das Gift tut doch seine Wirkung? Kommt irgendwann der Zusammenbruch?

Pauli ist verrückt und dabei völlig klar im Kopf. Es ist wohl diese Mischung, die früher Hexenjäger auf den Plan gerufen hat. »Sei folgsam!«, lautete bis ins letzte Jahrhundert der kategorische Imperativ des bayerischen Staats- und Parteiwesens. Und für Frauen galt er immer ein bisserl mehr. So gesehen gibt es Hexen bis heute in Bayern, und manche Männer in der CSU meinen sogar, es werden immer mehr.

Es sind Frauen, die nicht folgen wollen, Frauen, die ihren Platz in der Öffentlichkeit beanspruchen, Frauen, die sich exponieren. Jedes von Gabriele Paulis Kostümen ist ein Exponat. Sie trug wochenlang Rock, immer andere, alle kurz. Angela Merkel macht vor, wie man sich als Frau kleidet, wenn man mitmachen will beim Spiel um die Macht: dunkel, kompakt, unauffällig. Meine Worte sind wichtig, sagen Merkels Kostüme, nicht mein Äußeres.

Paulis Absätze sind hoch, ihr Lächeln ist groß, ihr Schmuck ruft »Hier!«. »Glauben Sie, es gäbe denselben Aufruhr, wenn ein leicht übergewichtiger Kommunalpolitiker aus dem Bayerischen Wald Stoiber kritisiert hätte?«, fragt ironisch Michael Bischoff. Der 38-Jährige hat als SPD-Kandidat die letzte Landratswahl gegen Pauli verloren. Er hält sie für »ein Medienphänomen«. Gestern hat Bischoff sein Auto gewaschen. »Ich stand an der Waschanlage, da konnte man schon merken: Die Leute werden müde, man kann’s nicht mehr hören.« Es, das ist Frau Pauli.

Ihr Äußeres ist der Grund, warum ihre Gegner sie lange nicht ernst nahmen. Es ist der Grund, warum die Medien sie lieben – und verachten. »Sie sind voyeuristisch eine Badezimmerspiegel-Schönheit«, erklärte ihr Franz Josef Wagner in seiner Bild- Kolumne, und »politisch sind Sie eine Bombe«. Bis heute haben übrigens Frauen wenig Sympathien für Gabriele Pauli. Bei einer forsa-Umfrage für die Münchner Abendzeitung hielten nur 34 Prozent der Frauen Pauli für glaubwürdiger als Stoiber, bei den Männern waren es 53 Prozent.

Pauli sagt, sie wolle für die Menschen sprechen. Was, wenn sie ihnen dabei auf den Wecker geht? »Stimmt«, sagt Pauli, »dann hat man das Gefühl, was die sagt, schlägt um – die macht das ja nur, weil sie wieder mit dem Foto irgendwo ist.« Es ist Freitagnachmittag, ihr letztes Interview für heute. Eigentlich will sie nächste Woche aufhören mit den steten Wortmeldungen. »Es reicht jetzt auch«, sagt sie, »ich denke, es ist alles gesagt.« Ihre Promotion trug den Titel Polit-PR – Strategische Öffentlichkeitsarbeit politischer Parteien, das Beispiel CSU. Sie weiß, sie darf nicht überreizen. Doch am Sonntagabend ist sie bei Christiansen. Montagnachmittag gibt sie eine Pressekonferenz. Es ist nicht leicht, zu schweigen, wenn alle über einen reden.

War sie schon immer so? Noch aus dem Landratswahlkampf 2002 gibt es Fotos, die sie anders zeigen: fülliger, gefälliger, braver. Damals fehlte der entschiedene, man könnte auch sagen: scharfe Zug in ihrem Gesicht. Was ist seitdem passiert, irgendwann zwischen ihrem 45. und 50. Lebensjahr? Nichts, sagen die Leute, die sie kennen und ihr wohlgesonnen sind, so war sie schon immer. Nein, sagen die Gegner, sie war doch sonst nicht so, sie weiß doch, wie’s läuft in der CSU. 17 Jahre lang sitzt sie bereits mit Edmund Stoiber im CSU-Parteivorstand, seit 16 Jahren ist sie Landrätin, was hat sie denn plötzlich? Sie selber sagt: Ich stecke gerade in meiner zweiten Scheidung. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich gegen meine Überzeugung handele, dann kostet mich das zu viel Kraft. Darum bleibe ich bei der Wahrheit.

Vielleicht ist es nur in Romanen so, dass ein Mensch das große Drama braucht, um sich zu wandeln. Womöglich hat sich Gabriele Paulis Emanzipation in der Banalität des Alltags vollzogen. Es ist eine innere Befreiungsbewegung, der sich gar nicht wenige Frauen Ende vierzig anschließen.

Vielleicht ist da auch das Missverständnis zu Hause zwischen dem Ministerpräsidenten, der immer reden, und der Landrätin, die nicht hören will. Gabriele Pauli möchte einfach ihre Wahrheit sagen. Das ist viel weniger, als Edmund Stoiber glauben, und viel mehr, als er sich vorstellen kann.

Und wenn Paulo Coelho Humor hätte, wie alle wahren Weisen, würde er zum Schluss vielleicht einen Witz erzählen:
Als Edmund Stoiber Bundespräsident werden konnte, ist er davongelaufen.
Als Edmund Stoiber EU-Kommissionspräsident werden konnte, ist er davongelaufen.
Als Edmund Stoiber Superminister werden konnte, ist er davongelaufen.
Nur jetzt, wo er einfach bloß gehen müsste, da kann Edmund Stoiber plötzlich nicht mehr laufen.

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