Die alte Wahrheit ist kurz, klingt einfach, schmeckt bitter: "Der Tod wird kommen. Wir wissen nicht wann, wir wissen nicht wo." Mit der ungewissen Gewissheit haben Generationen unserer Vorfahren schlecht oder recht und oft genug in Angst und Schrecken gelebt. Wünsche oder Versuche, den Tod auszutricksen (was Sisyphos immerhin im Mythos gelang) oder gleich ganz abzuschaffen, sind gescheitert. In früheren Zeiten hat sich der Mensch mithilfe einer christlichen Ars Moriendi, mit religiösen Ritualen im Kreise der Familie auf einen guten Tod vorzubereiten gesucht. Die Neuzeit vertraut dem Fortschritt. Das Lebensende lässt sich dank technischer und medizinischer Entwicklungen verschieben. Immer mehr Menschen leben immer länger. Der Tod kommt später. Aber der Schrecken ist geblieben. Verschoben von der unsicheren Stunde des Todes, von der Angst vor einer möglicherweise drohenden Strafe im Jenseits auf den letzten Lebensabschnitt im Diesseits. Die aktuellen Stichwörter für die Horrorszenarien heißen Pflegenotstand, Entsorgungspark oder Sterbensmanagement. Die durchaus sinnvolle Frage: "Haben Sie sich schon einmal Gedanken über das Sterben gemacht?" sorgt für Grausen und Gänsehaut. Ist die viel diskutierte Sterbehilfe eine Alternative? Garantieren Patientenverfügungen das versprochene Recht auf Selbstbestimmung? Wie stirbt es sich in Zeiten der Kostendämpfung?

Es sind peinliche Fragen, dringende Themen, die der Medizinjurist Oliver Tolmein in seinem schwarz gewandeten Buch mit dem Titel Keiner stirbt für sich allein jetzt zur Diskussion stellt.

Tolmein nimmt den Leser mit in den Alltag der Sterbenden; führt uns in Alten- und Pflegeheime, in Hospize, auf Intensiv- und Palliativstationen. Er berichtet von seinen Gesprächen mit Pflegern, Ärzten, Angehörigen. Erzählt von Begegnungen mit hilflosen, leidenden, verwirrten, verzweifelten und wütenden Menschen. Unterwegs mit einem Rettungsteam, skizziert er eine Situation, die an absurdes Theater erinnert: "Haben Sie Schmerzen?", fragt die mit Blaulicht und Assistenten herbeigeeilte Notärztin eine 94-jährige Frau mit Verdacht auf Herzinfarkt. "Mein Sohn kommt nur selten vorbei", antwortet die alte Frau. Sie hat keinen Herzinfarkt. Aber sie ist schwach, wohnt allein, will nicht umziehen, schon gar nicht ins Altenheim. "Eigentlich geht es nicht mehr", sagt die Frau vom Pflegedienst. Sie muss ins Krankenhaus, findet die Ärztin. "Kann ich meine Pantoffeln mitnehmen?", fragt die alte Frau. Die brauche sie dort nicht und das Bild ihres verstorbenen Mannes, die Blumen und den gepackten Reisekoffer auch nicht. "Sie sind ja bald wieder da", sagt die Frau vom Pflegedienst. "Wer weiß, ob das stimmt", sagt der Rettungsassistent.

Was ganz ohne böse Absicht nicht stimmt, ist die Kommunikation. Was vorliegt, wäre im Jargon als eine Diskrepanz zwischen Hilfsbedarf und Leistungsangebot einzustufen. Die fähige Ärztin und ihr Team können Infusionsschläuche legen, den Sauerstoffgehalt messen oder stärkende Spritzen geben. Aber für den Schmerz dieser Frau gibt es keine Pillen. Menschliche Nähe, Empathie, Zuwendung beim Abschied in vertrauter Umgebung, all das, was Theologen "Mitsterben" und Soziologen "begleitetes Sterben" nennen, ist nicht per Krankenschein geregelt.

Im Pflegeheim trifft Tolmein andere alte Frauen, deren Kinder, selbst Großeltern, nur alle Wochen mal zu einem Besuch kommen können. "Die sind hier abgestellt zum Sterben, um es mal ganz drastisch zu formulieren", erklärt ihm die Pflegedienstleiterin, "die Frage ist nur, wie wir damit umgehen."

Wie gehen wir damit um? Oliver Tolmein beschäftigt sich mit Kostenfaktoren, mit Pflegesätzen, mit der Schmerzmittelversorgung. Es gibt kleine Fortschritte und gravierende Defizite. Für Menschen, denen die Medizin nicht mehr helfen kann, gibt es Palliativstationen, die das Leiden lindern, Hospize, die ihren Patienten ein Sterben in Würde ermöglichen wollen. Das ist gut. Dreißig bis fünfzig Betten pro eine Million Einwohner brauchten die hundert Palliativstationen in Deutschland. Zur Verfügung stehen aber nur neun Betten. An Personal mangelt es, weil es an Geld mangelt. Auf Bürokratisch-Deutsch heißt das: "Die Fallzahl pro Pflegekraft wird zunehmen bei höherer Pflegeintensität durch das immer höhere Alter der Patienten."