Den theatralischen Abgang hat er sich bis zum neuen Jahr aufgehoben. Kenner und Freunde des Künstlers, der einmal King Rocko Schamoni hieß, werden das Schauspiel mit einem bitteren Grinsen verfolgen. Die Schamoni-CD, die sie bald in Händen halten, ist eine Abschiedsplatte vom Modell Pop und Rocko singt sich darauf seine eigene Schicksalsmelodie. Kommen, gehen, leben, sterben, aufhören Rocko Schamoni & Little Machine, so der Titel des erklärten Schwarzweiß-Werkes, ist eine hochexistenzielle Veranstaltung. Schamoni geht fortan nicht mehr der Beschäftigung nach, für die er seine Postadoleszenz so herrlich verschwendete. Er will nicht mehr auf dem Sprung zum Popstar sein.

Letzte Platten sind selten lustig, und Wehmut soll sein, wenn wir Rocko richtig verstehen. Hin und wieder war dieser coole Junge aus der schleswig-holsteinischen Provinz ja der beste Entertainer Deutschlands, als Postpunkschlauberger gelang ihm einer der grandiosesten Protestsongs der Erfolgsära Helmut Kohls (Du wählst CDU, darum mach ich Schluss). Später wurde Schamoni eine Art Wappentier der "Hamburger Schule", deren Pop-Diskurse er heiter bis wolkig unterfütterte gern auch mit Soul und Disco. Das war fast zu viel und doch nicht genug, um zum marktfähigen Popidol aufzusteigen. Die Bruchstellen zwischen Künstler und Kunst, an denen sich die Verhältnisse im besten Falle spiegeln, blieben allzeit sichtbar. Oft war Schamoni auch um eine Pointe besser als der Rest der Bande. Nur zum Schluss ist ihm der Humor abhanden gekommen: "Ein richtiges Leben, ich kann es nicht finden / ein richtiges Leben in einer falschen Welt", singt er jetzt in einem der neuen Songs.

Ein Nachruf ist dies noch nicht. Hören wird man noch von Schamoni, er wird sich nach dem Genrebestseller Dorfpunks weiter über sein Leben ausschreiben, vielleicht wieder Theatermusiken komponieren, für Freund Schorsch Kamerun oder Elfriede Jelinek, im Hamburger Golden Pudel Club mitmischen und seine Tochter nachmittags von der Schule abholen. So sehen Punk-Biografien heute aus, den Feldaufschwung aus der Subszene in den kulturellen Mittelbau haben schon ganz andere überlebt. Das Hadern des Rocko scheint nur ein Übergangsphänomen.

Schamoni noch einmal als Naturereignis: Es regnet und blitzt, die Sterne funkeln auf dem CD-Cover. Über Rocko ein Grabstein, um den ein Anker gelegt ist. " Altes Rocker-Tattoo, Nummernschild des Nordens", sagt Rocko, so etwas trägt man auf dem Bein. Doch als Metapher für die CD kaum zu übersehen, verbunden mit der Frage, die Schamoni in den Raum stellt: "Wie viel Leid muss man erfahren, um eine gute Platte machen zu können?" Die Antwort bleibt Little Machine schuldig, die Melodien klingen so verdammt nach Karriereherbst. Er möchte sich nicht mehr auswringen für das bisschen Anerkennung, den flüchtigen Duft der Bewunderung. Rocko hat viele Worte für die latente Malaise. Permanente Zerstörtheit, Depression. Fatalismus.

Der Abschied braucht das Pathos, das richtige Popstars für sich reklamieren: Wenn Rocko "Leben heißt sterben lernen / Leben heißt sich entfernen" singt und die Streicher anheben, ist Udo Jürgens nicht mehr weit. Man reiche Schamoni ein Handtuch, er hat für die richtige Kunst im falschen Leben geschwitzt. Und jetzt auch ein paar Tränen verdrückt. Das Buch, das dann im April folgt, heißt folgerichtig Sternstunden der Belanglosigkeit.

+ Rocko Schamoni & Little Machine Trikont/Indigo 803592