An der erschreckenden Schwäche des Denkmalschutzes sind Politiker und Investoren nicht alleine schuld. Es gibt auch eine spezifisch deutsche Überdehnung des Begriffes, die das ästhetisch Wertvolle nach und nach durch das Kriterium des historisch Interessanten ersetzte und dieses Interessante schließlich in jedem Zeugnis einer Epoche sehen wollte. Zur gotischen Kirche kam so die neugotische Kaserne und zur neugotischen Kaserne kommen bald alle Fabrikgebäude, die in einem vergleichbar historisierenden Backsteinstil gebaut wurden. Mit anderen Worten: Neben das Schöne trat das Hässliche, wenn es nur alt genug war, und gleichzeitig rückte dieses Alte immer näher an die Gegenwart heran. Auf dem Höhepunkt der denkmalschützerischen Expansion galt ein fensterloser Bunkerbau der siebziger Jahre, ochsenblutfarben gekachelt, ebenso viel wie ein Barockschloss.

Der Gewinn für die Denkmalpflege lag in der Objektivität, die Geschmacksfragen ausschloss; der Verlust betraf die Unterstützung der Bürger, die den Perspektivwechsel nicht nachvollzogen. Das Versprechen, sie würden eines Tages selbst die Billigbauten der sechziger Jahre lieben lernen, erfüllte sich nicht. Hinzu kamen die Vorschriften, die keinen Kompromiss mehr zwischen Erhalt und Nutzung kennen, seit das historisch Authentische zum Kult erhoben wurde. Wo Immobilien durch denkmalgerechte Restaurierung unbewohnbar zu werden drohen, liegt der Abriss nahe. Der trauliche Umgang früherer Jahrhunderte mit ihren Altbauten beruhte auf der Freiheit zur Aneignung und Umnutzung. Deshalb ist auch die Objektivität des historischen Arguments oft trügerisch, denn was wäre im denkmalpflegerischen Zweifelsfall authentischer – das mittelalterliche Fachwerk oder der barocke Putz, den das 18. Jahrhundert darüber gelegt hat? Der deutsche Denkmalschutz hat einen ideologisch-puristischen Kern, der oft vergeblich ein Maximum anstrebt, wo das Minimum des bloßen Erhalts schon eine Rettung wäre.

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