Ello Michel ist eine gefragte Frau. Immer wieder wurde sie von Journalisten um Auskunft gebeten, "wie Andreas denn wirklich war".

Bisher hat sie immer geschwiegen. Als 1977 ihr Exfreund Andreas Baader in Stammheim starb, belagerten Journalisten ihr Haus, sie ging mehrere Tage nicht aus der Wohnung. Seit jener Zeit teilte sie bestenfalls mit, sie wäre "fertig mit dem Thema", gelegentlich wurde sie auch unfreundlich und beendete Telefongespräche abrupt. Auch dem Autor dieses Artikels ging es zunächst nicht anders.

Als ihm im Juni 2002 doch noch Einlass in ihre Wohnung in Berlin-Charlottenburg gewährt wird, öffnet eine Frau von Mitte sechzig, die man anhand alter Fotos nicht erkennen würde. " Damals war ich eine sehr schöne Frau", bemerkt Ello Michel knapp. Wenn sie lacht, und sie lacht viel, sieht man keine Zähne. Michel hat eine lange, selbstzerstörerische Drogenkarriere hinter sich. LSD, Meskalin, STP, Captagon, viel Whiskey, "und zur Belohnung noch einen Joint", sagt sie. Seit 1990 sei sie jedoch trocken. Früher hat Ello Michel gemalt, schon lange lebt sie von Sozialhilfe. Sie lebt allein.

Michel steckt sich eine weitere Zigarette an, ihr Blick ist müde.

Obwohl sie offenbar am liebsten alles getilgt hätte, was an ihren Exfreund erinnert, hat sie doch etwas von ihm aufbewahrt. Umständlich nestelt sie aus ihrem Schreibtisch ein Päckchen Briefe heraus. Eine rote Schleife umfasst das Bündel.

Dass Andreas Baader aus dem Gefängnis eifrig Briefe schrieb, war bisher kaum bekannt. Und besonders oft schrieb er, während einer Untersuchungshaft im Jahr 1968, an Ello Michel, die Mutter seiner Tochter Suse.

Am 2. April 1968 hatte Andreas Baader, damals 24, in zwei Frankfurter Kaufhäusern Feuer gelegt, aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Baaders Briefe an Ello aus dem "Untersuchungsgefängnis für Männer" in Frankfurt sind Liebesbriefe, obwohl er zum Zeitpunkt seiner Festnahme bereits einige Monate mit Gudrun Ensslin liiert war. Die Briefe sind Zeugnis einer inneren Zerrissenheit, ein treffendes Bild seiner selbst am Beginn seiner Laufbahn als Terrorist. Zwanzig Briefe sind erhalten geblieben, sie sind zärtlich, verletzend und fordernd, zum Teil unerträglich selbstmitleidig, überfrachtet mit Metaphern und Pathos.