Dass die Welt noch in Ordnung ist, wenigstens hier im hintersten Winkel Kärntens, unterm mächtigsten Gletscher der Ostalpen, in greifbarer Nähe zum höchsten Berg Österreichs, merkt man vor allem an der Stille. Abends liegt sie wie ein schlafendes Urtier eingebettet in den schwarz aufragenden Tauernfelsen. Morgens schwebt sie mit weiten Flügeln über der neblig brodelnden Schlucht. Wenn man aus der Hütte tritt, kommt einem das Knirschen der eigenen Schritte lawinengefährlich laut vor, und man glaubt die Sonnenstrahlen auf der makellos weißen, locker über die Almwiese gebreiteten Winterdecke knistern zu hören.

Am Rand des Nationalparks Hohe Tauern röhrt kein Skibus, piept kein Pistenbulli, wacht man erst auf, wenn die Zimmertemperatur so weit gesunken ist, dass Holzhacken nötig wird. Dann schaut man von seiner Almhütte (1600 Meter) hinauf zum Großglockner (3798 Meter), hinunter auf die entlang des Flüsschens Möll aufgefädelten Dorfdächer (1300 Meter) und denkt, während einem der Schnee in die Filzlatschen sickert: Das schmale Tal sieht aus, als hätte Gott einen Keil Himmel in den Gneis getrieben.

Der Feldherrenblick auf das Dorf Heiligenblut ruft selbst bei abgebrühten Wintersportlern fromme Anwandlungen hervor. Da hilft es auch nicht, die Demutsstille mit der Axt zu durchbrechen. Denn das Geräusch des Brennholzschlagens und der Geruch der aufgestapelten Scheite machen das Heile-Welt-Klischee erst perfekt. Hier, zwanzig Kilometer Luftlinie vom lärmigen Skizirkus Kapruns, versteht man, warum die reisenden Naturforscher des 18. Jahrhunderts sich von der Gebirgswelt faszinieren ließen. Es waren damals vor allem bergsteigende Physikotheologen, die das negative Bild der Wildnis revidierten. Hatte deren Unwegsamkeit zuvor als Strafe für den Sündenfall gegolten, symbolisierte sie für gelehrte Montanisten wie Belsazar Hacquet nun die Allmacht des Schöpfers. Hacquet hatte 1784 als Erster erklärt, eine Besteigung des Großglockners sei möglich.

Auch dem heutigen Reisenden vermitteln die Hohen Tauern, mit 1800 Quadratkilometern das bedeutendste alpine Naturschutzgebiet, noch das Gefühl, eine Terra incognita zu betreten besonders in der dunklen Jahreszeit, wenn die Bergsteiger Winterschlaf halten und die Wanderwege von Schnee überweht sind.

Als Stadtmensch ist man sofort begeistert: von der halsbrecherischen Hüttenzufahrt, von der tannengeschützten Lage des Hexenhäuschens, von den Wildspuren im Schnee und dem Gipfelblick. Von der Zuckerglasur auf dem Dach, den knarzenden Dielen, den altmodischen Bauernmöbeln und überhaupt allem, was möglichst wenig an den urbanen Alltag erinnert.

Dem fauchenden Etagenofen. Dem eigenen kleinen Wasserwerk, das aus dem Geplätscher des Rossbachs Licht generiert. Die Pichlerkasa befindet sich außer Hörweite, aber in fußläufiger Distanz zur Mittelstation des Skigebietes Großglockner-Heiligenblut. Vom Parkplatz bis zur Hütte braucht man per Ski drei Bergabminuten, für den umgekehrten Weg von der Hütte zur Rossbachsperre, wo die Großglockner-Hochalpenstraße im Winter endet und die Lawinengefahr beginnt, fünfzehn Bergaufminuten.

Im naturgeschützten Hüttenparadies gilt von November an das Versprechen der Weltabgeschiedenheit doppelt: So wie die Autos an der Schneebarriere der Mittelstation umkehren müssen, so wie die Serpentinen der 1935 eingeweihten Nord-Süd-Verbindung zwischen Salzburg und Kärnten plötzlich im Nichts versacken, droht auch die Zufahrt zur Pichlerkasa ständig zu verschwinden. Zwar hat der Gorgasser-Bauer sie für die Gäste freigefräst. Doch nach drei Tagen ist sie fast zugeschneit, und schon wieder den Traktor zu rufen wäre eines wahren Almurlaubers unwürdig. Lieber kämpft man sich durch das täglich tiefer werdende Weiß.