Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, die auf Formen offenbar nicht viel Wert legt. Die Menschen begegnen einander formloser, hemmungslos beduzen sie sich, und bald wird auch die Krawatte nur noch vom Sparkassendirektor getragen werden. Hängt es wirklich mit dem Alter zusammen, dass unsereins dabei ein gewisses Unbehagen registriert und verständnislos zur Kenntnis nimmt, wenn Reporter, Korrespondenten und Moderatoren, gleich welchen Geschlechts, unsere Bundeskanzlerin oder unseren Minister für das Auswärtige schlicht mit Frau Merkel anreden oder Herr Steinmeier? So als wären sie traute Bekannte aus der Eckkneipe?

Frau Bundeskanzlerin oder Herr Minister kommt nur wenigen über die Lippen, wenn unsere Medienvertreter, in der Regel wohlerzogene und weit gereiste Herrschaften, die Politiker um ein Statement bitten.

Auch der Ministerpräsident von Bayern muss es sich gefallen lassen, als Herr Stoiber befragt zu werden. Doch dies ist schlichtweg ungehörig. Mögen die Betroffenen auch auf die offizielle Anrede im persönlichen Umgang verzichten, so gebietet der Respekt vor ihrem Amt, Angela Merkel mit Frau Bundeskanzlerin anzureden und Herrn Steinmeier mit Herr Minister. Es ist eine Verluderung der Sitten, den Amtsinhabern nicht die Achtung zu erweisen, die ihrem Amt zusteht.

In Frankreich dächte kein Journalist im Traum daran, zu einem Minister nicht Monsieur le Ministre zu sagen oder, falls eine Frau das Amt innehat, Madame la Ministre. Auch in London wird der Respekt vor dem Amt gewahrt, wenngleich die befragten Minister gern wohl um sich anzubiedern den Frager oder die Fragerin beim Vornamen nennen. Und in den USA würde kein Reporter es wagen, Bush nicht Mr. President zu nennen.

Warum tun wir uns so schwer, unseren Amtsinhabern den ihnen zustehenden Respekt zu zollen? Weil wir Politik für ein unterirdisches Gewerbe halten? Halten wir uns für aufgeklärter und demokratischer, wenn wir auf Titel verzichten? Als nach 68 jemand den Professor XY mit Herr Professor anredete, wehrte dieser ab: Bitte keine Beleidigungen!

Die Zeiten der Pseudogleichmacherei sind aber doch wohl überwunden, zumal jetzt, da allerorten die neue Bürgerlichkeit beschworen wird.

Schließlich erheben sich in den meisten Schulen die Schüler von ihren Plätzen, wenn der Lehrer das Klassenzimmer betritt.