In weniger als fünfzig Jahren, sagen Demografen voraus, werden die meisten Menschen in Russland Muslime sein. Während die Gesamtbevölkerung jährlich um 700000 Menschen schrumpft, wächst der muslimische Anteil durch Zuwanderung und hohe Geburtenrate ständig an.

In ihrer letzten Ausgabe 2006 widmet die Vierteljahresschrift Russia in Global Affairs, die führende russische Fachzeitschrift für internationale Politik, gleich drei Artikel der Frage, wie Russland damit umgeht und umgehen sollte. Das Ergebnis ist bedrückend.

In seinem Beitrag Islam, wie wir ihn sehen, macht der Moskauer Historiker Alexei Malashenko deutlich, wie sehr der Tschetschenienkonflikt und die Art seiner Austragung das Bild des Islams und seiner Anhänger im ganzen Lande verändert haben: von dem einer in Sowjetzeiten geförderten Einschätzung als rückständig, aber nicht feindlich zu einem Zerrbild der Bedrohlichkeit. Zwar ist der Grad an Fremdenfeindlichkeit, wie er sich in Umfragen äußert, nicht wesentlich höher als in den meisten Staaten Europas. " Aber bis vor Kurzem noch waren muslimische Einwanderer sowjetische Bürger, die Russisch sprechen und sich mühelos an die russische Lebensweise anpassen konnten. Heute sind diese Muslime zu Fremden im eigenen Land geworden."

Malashenko gibt den russischen Medien ein gerüttelt Maß Schuld an dieser "Islamophobie", wie er es nennt. Im russischen Fernsehen und in Filmen seien die Schurken stets von "nichtrussischer Erscheinung", die Helden blond und nordisch. Die Trivialliteratur zieht eifrig mit. Da planen muslimische Terroristen Angriffe auf Nuklearanlagen oder gar Angriffe mit Atomwaffen. In dem futuristischen Bestseller Moschee Notre-Dame de Paris ist Frankreich muslimisch besetzt, die letzten Christen fliehen aus Verzweiflung in die Kathedrale Notre-Dame und sprengen sich in die Luft. Malashenkos trauriges Fazit: Weil das Bild des Islams derart mit der Gefährdung durch radikale Islamisten verfälscht wird, "ist die Furcht vor einer islamischen Gefahr Teil des Massenbewusstseins im heutigen Russland geworden".

Alexander Dugin, vorgestellt als Vorsitzender einer "eurasischen politischen Partei", kommentiert unter dem Titel Kondopoga eine Warnung den blutigen Zusammenstoß zwischen Russen und einer Gruppe Tschetschenen in der nordrussischen Stadt im vergangenen Herbst. Zwei Menschen fanden den Tod, viele wurden verletzt. " Die latente Korruption unter Bediensteten der Kommunalverwaltung und der Polizei führte dazu, dass sie nicht einschritten."

Der Regierung wirft Dugin vor, ihrer Minderheitenpolitik fehle eine klare Definition russischer Identität unter den neuen Bedingungen des Zusammenlebens. Die großrussische Identität müsse in Einklang gebracht werden mit dem Selbstverständnis anderer Ethnien im Lande. Dazu bedürfe es vor allem einer Rückbesinnung auf den eigenen Nationalstolz. In einer Situation jedoch, in der die russische Identität verschwömme, rufe die Betonung der Minderheitenidentitäten Vorurteile und sogar Hass hervor.

Der Historiker Nikolai Mitrokhin schließlich untersucht Nichtislamischen Extremismus im heutigen Russland, der sich meist gegen Menschen von "nichtslawischem Äußeren" richte oft ohne dass die Regierung einschreite. Vornehmlich zwei Gruppen machten sich diesen Extremismus zu eigen: Früher Skinheads, die oft zu Hunderten Straßenmärkte verwüsteten und Menschen dunkler Hautfarbe angriffen, und heute zunehmend gewaltbereite Sportfans. Föderale und lokale Politiker und Ordnungskräfte begegneten beiden Gruppen mit Nachsicht.