Wenn diese Quarte erschallt, fallen Kommissare aus dem Bett. Sie ist ihr Signal zum nächsten Fall, sie werden sich ins Badezimmer quälen, das Schulterhalfter umschnallen und den Notizblock einstecken, Herr Batić aus München beispielsweise wird den Kollegen Leitmayr anrufen, aber der schläft noch, also braucht es mehr Quarten.

Das Intervall der aufsteigenden Quarte ist das uralte Motiv der Jäger und Tatendurstigen, sozusagen das Action-Modul der Musikgeschichte, sie taucht in den Freischütz- Hörnern auf und im Ring des Nibelungen, im Weihnachtsoratorium und in Mozarts Jagd-Sonate. Die Beute besteht an einem bürgerlichen Sonntagabend aus einem Mörder und Millionen von Fernsehzuschauern, sobald diese berühmten Quarten erschallen, mit welchen die Titelmelodie der Tatort- Krimis beginnt. Geschrieben hat sie der Jazzsaxofonist Klaus Doldinger, dessen Gruppe Passport noch in die Windeln machte, als die ARD ihn bat, für Kommissar Trimmel und den Tatort- Erstling Taxi nach Leipzig am 29. November 1970 eine Titelmelodie zu komponieren. Seitdem sind die einleitenden Quarten dieser Musik und die kalten Augen des Vorspanns, um die sich ein Fadenkreuz schließt, ein Imperativ, den die Bevölkerung streng befolgt: Nicht umschalten! Das Telefongespräch mit Tante Hilde beenden! Schnell das Bier aus dem Kühlschrank holen!

Doldinger haut uns, dem Fernsehwild, erst diese Signalquarten ums Ohr, verdichtet sie zu Bläserakkorden, dann funkt und jazzrockt eine Bassgitarre ein Moll-Ostinato, einen dynamischen Dauerstrom, der vom Grundton zur Terz, Quart, Quint und Oktave und zurück zickzackt. Aus diesem Kraftfeld zieht wenige Takte später die Hauptmelodie ihre Energie. Sie ist eine Variante des Ostinatos, nur in längeren Notenwerten und verschoben in die Oberstimme. Der gelernte Musikwissenschaftler hat also eine klassische Augmentation (Vergrößerung) komponiert. Kaum hat sie der Hörer erkannt, rückt Doldinger den ganzen Satz – chromatische Rückung, beliebter Trick – einen Halbton nach oben. Übrigens saß in Doldingers damaliger Band wer am Schlagzeug? Udo Lindenberg.

In weit über 600 Folgen ist die Tatort - Melodie zum Markenzeichen geworden, das die Zeitläufte überdauert. Die Kommissare kommen und gehen, die Fahndungsmethoden werden immer innovativer, die Mörder gerissener, ihre Motive verstiegener, doch Doldingers Musik bleibt – rassig und auf liebenswerte Weise altmodisch. Im Internet steht sie zum Runterladen bereit als Klingelton oder in allen möglichen Arrangement-Varianten. Sogar in die Tatort- eigene Welt ist die Musik längst eingesickert. In Folge 648 dudelte sie als Klingelton aus dem Handy von Kommissar Batić, eine Woche später vernahm man sie in der Frankfurter Episode, als ein Schauspieler fernsah – und Tatort guckte.

Derlei sind selbstbezügliche Spielereien, die bei dem 70-jährigen Komponisten den Eindruck verstärken, dass er seiner Musik nicht mehr entkommt. Sie jagt ihn seit 36 Jahren. Auf jeder Pressekonferenz wird er zu ihr befragt und zu Fluchtgedanken genötigt. Nun, das Lasso der Quarte ist stärker, auch an diesem Sonntag.

Klaus Doldinger: Tatort