Nie zuvor hatte eine empirische Schulstudie so viele Schüler über einen so langen Zeitraum begleitet: Von 1996 bis 2005 haben Bildungsforscher in der »Untersuchung Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung« – kurz LAU – das Wissen und die Fortschritte aller Hamburger Schüler eines Jahrgangs gemessen. Lau soll Aufschluss geben über Bildungsbiografien, erlaubt aber auch Vergleiche mit anderen Bundesländern. Und die fallen wenig schmeichelhaft aus:

Baden-württembergische Abiturienten deklassieren ihre Hamburger Altersgenossen bei den Matheleistungen. In identischen Testaufgaben zur mathematischen Grundbildung erreichten Schüler der 13. Klasse im Südwesten durchschnittlich 48 Punkte mehr als in der Hansestadt, im Bereich der voruniversitären Mathematik waren es sogar 78. 40 Punkte Leistungsabstand in den Tests entsprechen etwa dem Wissen eines Schuljahres. »Man muss es so deutlich ausdrücken: Das Matheabitur spielt sich in den beiden Bundesländern auf deutlich unterschiedlichem Niveau ab«, sagt Ulrich Trautwein vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Gemeinsam mit Forschern vom Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Schulwesen verfolgt Trautwein derzeit ähnlich wie bei Lau den Lebensweg baden-württembergischer Abiturienten in einer Längsschnittstudie über zehn Jahre. Trautwein und seine Kollegen wollen herausfinden, wie stark sich vonLeistungen in der Schule auf den Erfolg im Leben danach schließen lässt. Begonnen haben sie ihre Tosca genannte Testreihe mit dem Abitur im Jahr 2002. Damit lag auch für Baden-Württemberg erstmals eine umfassende Beschreibung des Leistungsstands in der 13. Klassenstufe vor, die sich systematisch mit den Hamburger Daten von Lau-13 vergleichen ließ. Mit zum Teil erschreckenden Ergebnissen: An Hamburger Gesamtschulen wussten die Schüler in den Leistungskursen im Schnitt weniger als die Schüler in Grundkursen an Baden-Württemberger Regelschulen; genauer gesagt, hinkten die vermeintlichen Matheasse im Norden den Pflichtkurslern im Süden sogar um 17 Punkte hinterher, ein knappes halbes Schuljahr. Möglich wurde der spektakuläre Benchmark-Vergleich durch den Mut der Hamburger Schulbehörde, sich überhaupt mit einem anderen Bundesland messen zu lassen, und dann auch noch ausgerechnet mit Baden- Württemberg, das im deutschlandinternen Pisa-Ranking mit an der Spitze liegt. »Die Hamburger nehmen ihre Probleme wirklich in Angriff«, sagt Trautwein. »Dazu gehört auch die Offenheit, die eigenen Schwächen zu diskutieren.« Aus Sicht der Forscher sind eine zu geringe Wertschätzung des Fachs Mathematik und die fehlende Beachtung von Leistungsstandards in der Mittelstufe für die Misere verantwortlich.

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