Mit diesem voluminösen Doppelband hat Wolfgang Kraushaar, Chronist der (west)deutschen Linken, der Roten Armee Fraktion (RAF) das finale Denkmal gesetzt. Angesichts der schieren Masse des Werks und der darin investierten Anstrengungen fragt sich der Leser freilich, ob hier nicht ein bisschen zu viel des Guten getan worden ist. Man darf, mit anderen Worten, gelinde Zweifel daran haben, dass die RAF und ihre Protagonisten politisch wirklich so bedeutsam und mentalitätsprägend für die alte Bundesrepublik waren, wie der Herausgeber prätendiert.

Für einen Großteil der damaligen westdeutschen Linken waren die RAF und ihr selbstreferenzieller Auftritt schlicht irrelevant - niemand, der seinen Verstand beieinanderhatte, machte sich irgendwelche Illusionen über den durch und durch kriminellen Charakter der Gruppe um Meinhof, Ensslin und Baader.

Die Beiträge des Bandes, 64 an der Zahl, sind naturgemäß alles andere als homogen. Ein Teil ist eher begriffsanalytisch angelegt und beschäftigt sich allgemein mit Themen wie Terror, Terrorismus (Rudolf Walther) und Guerillakrieg (Herfried Münkler). Andere sind stark aus einer persönlichen Perspektive verfasst wie der Essay von Jürgen Seifert über Ulrike Meinhof und ihre geistig-politische Ziehmutter Renate Riemeck. Wieder andere beleuchten das nationale und internationale Umfeld der RAF, ephemere Gruppen wie die Tupamaros West-Berlin und die Bewegung 2. Juni, aber auch langlebigere und einflussreichere Organisationen wie die italienischen Roten Brigaden, die Tupamaros in Uruguay und die Palästinensische Befreiungsorganisation, selbst der Vietcong wird in die Betrachtung einbezogen.

Ein Abschnitt befasst sich mit den staatlichen Reaktionen auf die Herausforderung der RAF, mit dem Agieren des Polizeiapparats und dem juristischen Umgang mit einem Phänomen, für das es bis dahin kein Vorbild in der Geschichte der Bundesrepublik gab. Bemerkenswert in letzterem Kontext der Beitrag von Stefan Reinecke über den damals neuen (und heute ausgestorbenen) Typus des »linken Anwalts«. Zwischen Otto Schilys Rolle als engagierter Strafverteidiger der RAF-Angeklagten und seiner späteren als Innenminister der Schröder-Regierung sieht Reinecke keinen Widerspruch.

Keine fehlgeleitete Linke, sondern ein ganz neuer Phänotypus Schließlich werden auch Funktion und Bedeutung der Medien gewürdigt, die einen nicht unwesentlichen Part im Zusammenwirken von Terrorismus und öffentlicher Wahrnehmung spielten und heute mehr denn je spielen. Die Beiträge von Luise Tremel und Klaus Kreimeier thematisieren den Einzug der RAF in die deutschsprachige Belletristik und ins Kino (Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Deutschland im Herbst).

Sogar Walter Benjamin gerät ins Visier, wenn der Verdacht des Zusammenhangs von linker Theoriebildung und terroristischer Gewalt wortreich formuliert wird, von dem es am Ende, das heißt nach 35 Seiten, lakonisch heißt, es handle sich um einen »Kurzschluß« (Irving Wohlfarth). Wenig überzeugend, ja eigentlich skandalös ist auch der fortgesetzte Versuch Wolfgang Kraushaars, Rudi Dutschke mit den Machenschaften der RAF in Verbindung zu bringen. Für Dutschke war die Frage nach Angemessenheit und Legitimität revolutionärer Gewalt bei weitem zu vielschichtig und kompliziert, als dass er sich mit einfachen und unterkomplexen Antworten im Sinne der RAF zufriedengegeben hätte.

Insgesamt hat man es mit einem Sammelsurium von Analysen, Einschätzungen und Interpretationen zu tun, die sich schwerlich auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Immerhin wird aus einer Reihe von Beiträgen so viel sichtbar aber das wusste man auch vorher , dass es sich bei der RAF und ihren Protagonisten nicht um eine fehlgeleitete Linke handelte, sondern um einen damals in Deutschland ganz neuen Phänotypus, der politische Inhalte und Parolen lediglich als Vorwand für etwas benutzte, das man als pseudopolitischen Existenzialismus bezeichnen könnte.