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Afrikas Wirtschaft gedeiht wie lange nicht mehr, auch südlich der Sahara. Sie wird 2007 im vierten Jahr nacheinander mit rund fünf Prozent wachsen, wobei die Inflation schon herausgerechnet ist. Das Wachstum ist breit gestreut, und es betrifft Ölländer wie Nicht-Ölländer, Exporteure von Metallerzen wie Baumwoll- und Kaffeeökonomien.

Wachstum gibt es in Post-Konflikt-Staaten, in Ländern mit laufenden Unruhen und miserabler Regierungsführung. Das belegen Zahlen des Internationalen Währungsfonds. Unter allen Ländern Afrikas gibt es eine einzige Ausnahme: Simbabwe, das in einer chaotischen Naturaltauschwirtschaft überlebt und 1200 Prozent Inflation verzeichnet. Sonst liegt die Inflation oft im einstelligen Bereich und die Haushaltsverschuldung auf Maastricht-Niveau. Dies ist die Fortsetzung einer mittlerweise zehnjährigen Wachstumsperiode auf dem Kontinent. Die Fachwelt weiß noch nicht wirklich, was los ist: Die Hausse bei den Öl- und Rohstoffpreisen spielt ihre Rolle, aber nicht allein. Das Wachstum war bisher – von Südafrika und Mauritius abgesehen – eher das Ergebnis besserer Kapazitätsauslastung und bescheidener Produktivitätszuwächse.

Erst langsam steigen auch die Investitionen auf breiterer Front. Hier läge nun die historische Chance ausländischer, privater Wirtschaftspartner. Der Aufbau von neuen, agrarnahen Leichtindustrien in Afrika kann mit staatlicher Entwicklungshilfe nicht funktionieren. Sicher brauchen wir mehr Entwicklungshilfe für Afrika, aber die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder die Weltbank werden keine Fabriken bauen. Private ausländische Direktinvestitionen lagen 2005 zwar auf einem Rekordstand von 31 Milliarden Dollar in Afrika, sie erreichten damit das Niveau der Entwicklungshilfe, konzentrieren sich aber auf Öl, Bergbau und Bankenkäufe. Und deutsches Kapital war dabei besonders zurückhaltend.

Ist das ein Fehler? Die deutsche Wirtschaft lag mit ihren Einschätzungen der Geschäftschancen in Afrika schon häufig falsch. So verschlief der deutsche Automobilbau in den siebziger und achtziger Jahren die Entstehung eines neuen Massenmarkts für geländegängige Fahrzeuge, allen voran Kleintransporter, in Afrika, Asien und Lateinamerika. Sie überließ dieses Segment Toyota und Nissan. Alles, was Deutschland anzubieten hatte, war ein ulkiger überkomplexer Mercedes-Geländewagen, der nur dort abzusetzen war, wo die afrikanischen Empfänger deutscher Entwicklungshilfe sich im Gegenzug zum Kauf von Autos aus Deutschland verpflichten mussten. Marktversagen kann sich als Marktverschlafen äußern.

Haben die Deutschen vielleicht gute Gründe, vor Afrika zurückzuscheuen? Fragt man Manager danach, wird gewöhnlich auf schlechte Regierung, Verwaltung und Infrastruktur sowie auf den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften verwiesen. Dieser Komplex ist aber seit einigen Jahren recht gut erforscht. Sicher gibt es in Afrika keine durchgängige Besserung der Regierungsführung; große politische Fortschritte konzentrieren sich auf einige Staaten. Deswegen sollte man auch nicht überall investieren, und dramatische politische Rückfälle sind immer möglich.

Auf der anderen Seite gehören zwei afrikanische Länder zu denen, die zuletzt weltweit die größten Fortschritte beim Investitionsklima gemacht haben: Ghana und Tansania. Afrika liegt bei einzelnen "Governance"-Indikatoren, die unabhängige Institute zur Orientierung von Privatinvestoren erstellen, vor China. Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind in manchen Sektoren Mangelware – etwa in den Ingenieurberufen. In anderen wie dem Gesundheitswesen produziert die Berufsausbildung mehr Abgänger, als der Markt aufnimmt. Der Braindrain, die Abwanderung vieler fähiger Köpfe in den Norden, zeugt davon. Insgesamt ergibt sich ein differenziertes, kein rundweg schlechtes Bild.

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Die Chinesen richten sich dauerhaft in Afrika ein

Mindestens ein neuer Investor hat das erkannt – China. Die Aufregung ist enorm über die chinesische Afrikapolitik. Dass China Menschenrechtsverletzungen und Korruption im Sudan oder in Angola ignoriert, ist ein großes Problem. Das zweite Problem aus der Sicht der Deutschen sollte aber sein, dass hier ein ganzer Kontinent mit wachsender Wirtschaft von der Konkurrenz erschlossen wird. Die Chinesen tun das Entscheidende, sie wollen in Afrika nicht nur verkaufen und dann schnell weg, sondern auch investieren. Und es sind nicht nur die Chinesen selbst. Unternehmen aus Taiwan haben kürzlich in Lesotho 38 Textilfabriken errichtet und stehen den Festlandchinesen kaum nach.

Von dort und aus einem halben Dutzend anderer afrikanischer Länder beliefern die Chinesen beiderlei Provenienz den US-amerikanischen Markt – Produkte zum Beispiel aus Lesotho genießen nämlich einen Zollvorteil bei der Einfuhr in die Vereinigten Staaten. Ähnlich wie die USA hat auch die EU mit ihrer Initiative "Everything but arms" armen afrikanischen Staaten zollfreien Marktzutritt gesichert. Damit können auch ausländische Investoren, die in Afrika fertigen, ziemlich frei in die EU exportieren.

Den Chinesen geht es aber nicht nur um die Ausnutzung solcher Besonderheiten der internationalen Handelspolitik. Im Augenblick überschwemmen sie die afrikanischen Märkte auch mit vor Ort produzierten billigen Plastikschüsseln, Schuhen und Fahrrädern eher lausiger Qualität. Das nachahmen zu wollen wäre für eine High-End-Exportwirtschaft wie die deutsche aussichtslos. Das können die Chinesen besser. Aber die Chancen liegen einmal im präferenzgestützten Export in die EU und die USA – sowie darin, die gestiegene Kaufkraft vieler Afrikaner zu nutzen und das mittlere und höhere Segment durch Produktion vor Ort zu bedienen. Das könnten die Agrar- und die Textilindustrie oder holz- und metallverarbeitende Firmen sein.

Deutsche wollen verkaufen, aber keine Werke bauen

Doch irgendetwas hindert die deutsche Wirtschaft an verstärktem Engagement an dieser last frontier in Afrika. Manager der deutschen Entwicklungsfinanzierung wie Roger Peltzer von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) in Köln beobachten kritisch, dass man in Afrika eher mit französischen, belgischen oder südafrikanischen Firmen und lokalen Investoren zusammenarbeiten könne als mit deutschen. Peltzers Landsleute sehen wenig wirtschaftliche Komplementarität. Auch auf den Wirtschaftsreisen des deutschen Afrika-Vereins aus Hamburg sind meist Leute unterwegs, die in Afrika nur verkaufen, aber nicht investieren wollen.

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Dabei sind in Afrika zum Beispiel ganze agroindustrielle Wertschöpfungsketten längst aus der wirtschaftlichen Nische herausgekommen. Die Blumen vom Naivashasee in Kenia, die auf kaum einem deutschen Geburtstagstisch fehlen dürfen, oder auch der "Nilbarsch" aus dem Viktoriasee sind die bekanntesten Beispiele: Nach vielen Auseinandersetzungen mittlerweile gut angepasst an die anspruchsvollen Qualitätsstandards der EU, sind ihre Verkäufe deutlich gestiegen. Nun treten die ersten Supermarktketten aus Afrika selbst als Nachfrager nach solchen qualitativ gehobenen Produkten auf. Neue Beispiele deutschen Engagements gibt es: So soll eine gemeinsame Initiative des Otto-Versands mit dem Bundesentwicklungsministerium für "Cotton made in Africa" aus Westafrika den Zugang zum Massenmarkt in Deutschland eröffnen.

Zu hören ist, dass die mittelständisch geprägte deutsche Industrie schon genug damit zu kämpfen habe, sich auf den Märkten Asiens und Osteuropas festzusetzen. Sie könne es sich personell nicht leisten, einen bislang kleinen und unsicheren Markt wie den Schwarzafrikas zu erschließen. Hier aber hat Afrika einen Vorteil: Die Dichte hilfreicher deutscher Entwicklungsorganisationen ist so groß wie nirgendwo sonst. Fast alle kümmern sich auch um die Privatwirtschaft und suchen händeringend nach deutschen Firmen für Public-Private Partnerships.

Eine coordination failure nennt die Wirtschaftswissenschaft solche Fallen: Einer investiert nicht, weil der andere nicht investiert, und schließlich macht es keiner. Das ist quasi das Gegenstück zum viel beschworenen Herdentrieb. Wahrscheinlich braucht es eine Gesamt-Afrika-Initiative der deutschen Wirtschaft, getragen von den Wirtschaftsverbänden, um diese pauschale Fehlwahrnehmung des afrikanischen Marktes zu revidieren. "Africa open for business" heißt eine Initiative, die den gleichen Bewusstseinsschub in den USA erzielen will. Vielleicht helfen ja schon die Afrikainitiative des Bundespräsidenten und die deutsche Doppelpräsidentschaft in G8 und EU ein wenig. Letztere hat sich immerhin "Handel und Investitionen in Afrika" als ein Schwerpunktthema gesetzt.

Helmut Asche lehrt am Institut für Afrikanistik der Universität Leipzig

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