Mit Superlativen sparte der Jazz nie, dafür war er zu sehr Teil der amerikanischen Populärkultur. In seinem Gotha stehen King Oliver, Duke Ellington, Count Basie, Earl Hines und Bessie Smith, die "Empress of the Blues". Louis Armstrong war der "King of Jazz", Benny Goodman der "King of Swing". Ella Fitzgerald war die "First Lady of Jazz". In dem guten halben Jahrhundert, in dem sie zwischen 1935 und 1990 auf der Bühne gestanden hatte, wurde sie zu einer "Voice of America" – weit über den Jazz hinaus, von ihm aber nie ganz getrennt. Virtuos und stimmmächtig (sie beherrschte mühelos drei Oktaven), in ihren Scat-Einlagen eine glänzende Improvisatorin, waren ihre Verschleifungen und dirty notes, ihre Vorhalte und Synkopen deshalb so wirkungsvoll, weil sie immer aus einer makellosen sängerischen Kontrolle kamen. Die Fitzgerald leistete sich in ihrer Karriere keine einzige Nachlässigkeit. Nicht auszuhalten, eine solche unmenschliche Perfektion, hätte sie diese nicht hinter dem Anschein vollkommener Schwerelosigkeit versteckt und sich bis ins hohe Alter eine Art kindliche Naivität bewahrt.

An aller Virtuosität haftet der Verdacht blenderischer Lüge. Die Fitzgerald war bis in die körperliche Erscheinung ihrer unfraglich souveränen Matronenhaftigkeit über all solche Zweifel erhaben, selbst wenn sie ihre Feuerwerke – Mr. Paganini, A Tisket, A Tasket, Lady Be Good – in furchterregenden Kadenzen abbrannte. In einer Musik, für deren Helden gemeinhin gilt, was Walter Benjamin über die Figuren von Robert Walser sagte ("Sie kommen aus der Nacht, wo sie am schwärzesten ist, mit etwas Festglanz im Auge, aber verstört und zum Weinen traurig") – in dem von Untergehern bevölkerten Außenbezirk Jazz war sie, wie Armstrong, wie Ellington und in allem das Gegenteil ihrer Antipodin Billie Holiday, eine bedingungslos intakte, "positive" Erscheinung.

Von Mitte der fünfziger Jahre an produzierte Norman Granz mit Ella die ersten Konzeptalben in der Geschichte der Tonaufzeichnung, die Songbooks von Cole Porter, Irving Berlin, George und Ira Gershwin, Rodgers and Hart, Harold Arlen – insgesamt die Spitzen des so genannten Great American Songbook, dieser Sammlung des amerikanischen kollektiven Unbewussten. Hier singt die Fitzgerald "the song and nothing but the song", aber so, dass Ira Gershwin, der Texter seines Bruders George, von ihr sagte: "Erst seit ich Ella Fitzgerald unsere Songs singen hörte, weiß ich, wie gut sie sind".

Am besten sind sie auf einer der untypischsten Fitzgerald-Platten im Duo mit Ellis Larkins, einem leider vergessenen Gentleman und Meister der pianistischen Diskretion. Fitzgerald singt, unter Vermeidung aller vordergründigen Artistik, mit einem sonst bei ihr unerhörten kehligen Timbre und einer beispiellosen Delikatesse und Intimität. Gershwin hatte recht: So waren Klassiker wie But Not For Me oder Someone To Watch Over Me nie zuvor zu hören. Und so nie mehr danach.

Ella Fitzgerald: Songs In A Mellow Mood (Decca)