S orry, no artworks available.« Ausverkauft. Das bekommt man derzeit häufig zu hören, wenn man bei Galerien mit chinesischem Programm nach den bekannteren Künstlern fragt. Auch die Auktionsergebnisse aus dem vergangenen Jahr zeigen, dass die zeitgenössische chinesische Kunst weltweit zu den am schnellsten wachsenden Feldern des Kunstmarkts zählt. Während Sotheby’s und Christie’s mit Gegenwartskunst aus Asien vor zwei Jahren gerade einmal 22 Millionen Dollar verdienten, hat sich das Volumen 2006 auf 190 Millionen Dollar verneunfacht. Am Anfang dieser Erfolgsserie standen die New Yorker Auktionen von Sotheby’s und Christie’s im März 2006. Sagenhafte 94 Prozent der Lose wurden verkauft, darunter auch Zhang Xiaogangs Bloodline Series: Comrade No. 120 von 1998, das bei Sotheby’s für historische 977200 Dollar über den Tisch ging. Arbeiten des Künstlers Zhang Xiaogang sorgten 2006 für Höchstpreise. Nun wird auch "Bloodline Series - Family" (1997) bei Philips de Pury aufgerufen. Taxe: 150 000 Pfund. Eine Schau in der Hamburger Kunsthalle zeigt bis zum 18. Februar chinesische Kunst. Eine Auswahl zeigt diese Bildergalerie BILD

Den Preisrekord hält derzeit das Bild Newly Displaced Population (2005) von Liu Xiaodong aus seiner Serie über den Drei-Schluchten-Staudamm: Im Herbst 2006 ersteigerte es ein chinesischer Sammler beim Pekinger Haus Beijing Poly International Auction für 2,7 Millionen Dollar. Neue Höchstpreise könnte es schon in den nächsten Wochen geben, wenn bei den Frühjahrsauktionen von Sotheby’s und Christie’s in London Arbeiten von Zhang Xiaogang, Zeng Fanzhi und Yan Pei-Ming aufgerufen werden. Auch bei Phillips de Pury & Company kommt am 6. Februar in London eine umfassende Privatsammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst zur Versteigerung. Neben Bildern der Künstler Fang Lijin, Yue Minjun und Wang Guangyi, die den international erfolgreichsten Richtungen »Zynischer Realismus« und »Politischer Pop« zugerechnet werden, finden sich in der Kollektion auch konzeptionellere Positionen von Zhang Huan und Qiu Shihua sowie Arbeiten von jüngeren Künstlern, etwa die des 1976 geborenen Feng Zhengquan, der in seinen farbenfrohen Bildern Formen traditioneller chinesischer Landschaftsmalerei mit einer comicartigen Staffage kombiniert.

Die Auktionen heizen den Markt mit chinesischer Kunst weiter an, einen Markt, auf dem die Nachfrage das Angebot bei Weitem übertrifft. Lange Wartelisten für neue Kunstwerke sind Standard, schon Akademieabsolventen verkaufen ihre Arbeiten zu fünfstelligen Dollar-Preisen. Einer der Hauptgründe für die Knappheit ist die zunehmende Zahl potenter chinesischer Käufer – es sind Gewinner der ökonomischen Reformen in China, die nach dem Motto »Geld spielt keine Rolle« in die Arena drängen. Anders als für die wenigen ernst zu nehmenden Sammler, die sich – wie etwa der Pekinger Guan Yi – auch für konzeptionelle Kunst, für Videoarbeiten und Installationen interessieren, ist der Kauf von Kunst für die meisten Chinesen in erster Linie eine Kapitalanlage, an die sie Hoffnungen auf schnelle Wertsteigerungen knüpfen. Spekulierte man bis vor Kurzem noch mit Häusern oder Antiquitäten, so führten steuerliche Nachteile beim Immobilienhandel, die große Zahl an gefälschten Objekten im Geschäft mit traditioneller Kunst sowie die Erfolge der zeitgenössischen Kunst im Ausland auch unter den neureichen Chinesen zu einem verstärkten Interesse.

Und dieses Interesse zeigt Folgen: Zu Beginn der 1990er Jahre gab es in Peking gerade einmal fünf Galerien, heute sind es über hundert. Chinesische Auktionshäuser wie China Guardian oder Poly International Auction, die bis vor Kurzem ausschließlich traditionelle Kunst im Programm hatten, bieten jetzt wie ihre ausländischen Kollegen Spezialversteigerungen für Zeitgenössisches an. Ermuntert durch das ehrgeizige Beispiel der Regierung, die bis 2015 tausend Museen bauen will, wurden auch zahlreiche von privater Hand – etwa von Bauträgerfirmen – geförderte Kunstmuseen ins Leben gerufen. Sogar ausländische Institutionen engagieren sich: Das Guggenheim-Museum soll in Peking eine Dependance planen, das Centre Pompidou will 2009 in Shanghai eine Zweigstelle eröffnen. Zahlreiche westliche Galeristen – wie etwa Alexander Ochs aus Berlin oder Lothar Albrecht aus Frankfurt – haben in Peking Filialen eröffnet, und mit großer Spannung wird die von Lorenzo Rudolf, dem früheren Direktor der Art Basel, und dem Genfer Galeristen Pierre Huber initiierte Erstauflage der Messe ShContemporary im Herbst in Shanghai erwartet.

Manche Künstler freut das alles. Sie fahren jetzt teure Limousinen, bewohnen schicke Lofts und und pflegen die Kultur des gemeinschaftlichen Essens in neuen Restaurants – die ihnen selbst gehören. Doch was bedeutet der rasante internationale Aufstieg für ihre Kunst? Trotz der zahlreichen euphorischen Stimmen, die dem chinesischen Markt eine rosige Zukunft prophezeien, weisen Skeptiker zu Recht auf die strukturellen Defizite im chinesischen Kunstbetrieb hin. Erst langsam entwickelt sich unter chinesischen Künstlern das Bewusstsein, dass es sowohl ihrer finanziellen wie auch ihrer künstlerischen Karriere langfristig zugute käme, wenn sie Verkäufe nicht immer selbst tätigten, sondern sich von einer Galerie ihres Vertrauens vertreten ließen.

Bisher hat sich der eigentliche Primärmarkt, also der Markt der Galerien, nicht wirklich etablieren können, er muss mit einem unverhältnismäßig einflussreichen Sekundärmarkt konkurrieren: Die Auktionshäuser bestimmen in China aufgrund mangelnder kritischer Evaluierungsorgane nicht nur den Preis der Kunst, sie sind auch die Plattform für die Geschmacksausbildung. Hier wird durch die Rekordpreise der Kunstkanon der Gegenwart geprägt. Ein pikanter Umstand, wenn man weiß, dass sich so manches chinesische Auktionshaus nicht an die gängigen Regeln des Zweitmarktes hält. So werden Einlieferungen von Künstlern akzeptiert, und es wird auch nicht viel dagegen unternommen, wenn Galerien oder Künstler Repräsentanten zu den Auktionen schicken, um ihre Preise künstlich in die Höhe zu treiben. Chinesische Kuratoren und Kritiker warnen deshalb vor der Gefahr einer totalen Ökonomisierung. Es mangelt, so ihre Klage, an freien Organen der Kritik und öffentlichen Institutionen der Förderung. Auf Dauer könnte darunter die Qualität der Kunst leiden. Und dann irgendwann auch deren Preis.

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