Eine Zeitschrift vergibt alljährlich den Titel »Journalist des Jahres« und lädt dazu verschiedene Leute ein. Nach der Preisverleihung bekam am Ausgang jeder eine Tüte, ein Geschenk des Sponsors, nämlich der Firma Henkel.

Die Tüte enthielt, wie ich zu Hause feststellte, Zahncreme und Waschpulver. Außerdem war ein WC-Duftspüler darin. Das sind diese Plastikkörbchen, die man in die Kloschüssel hineinhängt, damit es dort, bei jedem Spülen, duftet. Das Modell hieß »WC Frisch Fresh-Surfer designed by Alessi Limited Edition«. Auf der Packung stand: »Seit 1921 steht die italienische Marke Alessi für außergewöhnliches Design.« Auf der Packung war auch das Foto einer gut aussehenden jungen Frau zu besichtigen, dabei handelte es sich angeblich um die italienische Topdesignerin Miriam Mirri, die »exklusiv den Fresh-Surfer entworfen hat«. Dank Miriam Mirri besitze der Fresh-Surfer die »Exklusivität und Attraktivität eines Designobjekts«.

Bei Google hat Miriam Mirri 61500 Einträge, das ist nicht wenig, sie wird tatsächlich als »Jungstar der italienischen Designerszene« bezeichnet. Dann packte ich das Objekt aus. Es war ein Surfer. Der Surfer stand neben seinem Segel auf einem Surfbrett. Surfer und Segel waren mit Duftflüssigkeit gefüllt. Wenn man den WC-Spüler in die Kloschüssel hängt, sieht es aus, als ob er durch das Klo surft, vor allem wenn die Spülung betätigt wird. Dann surft der Surfer durch das, was die Spülung wegspült, lässig hindurch. Designer sagen immer: Form follows function. Ich stellte mir vor, wie Miriam Mirri auf ihren Designerkongressen in Mailand oder Portofino an der Bar sitzt, in einem Prada-Kleid doch wohl sehr wahrscheinlich, und zu den anderen Designerszenenjungstars sagt, dass sie einen WC-Duftspüler entworfen hat, der wie ein Surfer aussieht, der durch die Toilettenschüssel surft. Dann machte ich mir klar, dass jetzt die Crème des deutschen Journalismus nahezu geschlossen über den Miriam-Mirri-WC-Duftspüler verfügt, bei der Preisverleihung waren ja unter anderem die Chefredakteure des sterns, von Geo, der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT gewesen, außerdem Michael Jürgs. Wenn man bei einem Journalisten zu Hause ist, muss man also nur mal schnell auf die Toilette gehen und in die Schüssel schauen, hat er den Surfer, dann hat ers geschafft. Ich stellte mir eine Abendgesellschaft vor, wenn dann also der, sagen wir, Chefredakteur des sterns seine Serviette zusammenfaltet und sagt, »Liebe Gäste, ich möchte, vor dem Nachtisch, noch schnell ein Objekt zeigen, auf das ich, in aller Bescheidenheit, ein wenig stolz bin, ein original Miriam Mirri«, und er zeigt den Gästen den Surfer, und alle schauen, wie er surft, und sind halb irritiert, halb neidisch, moderne Kunst, exzentrisch, aber oho, er aber setzt noch eins drauf und sagt wie nebenbei: »Dieses exklusive Designobjekt wurde mir bei der Feier der Journalisten des Jahres verliehen.« Das sage ich auch immer, wenn ich Besuchern meinen Surfer zeige. Ich wurde nämlich in der Kategorie »Kultur« zum neuntwichtigsten Kulturjournalisten Deutschlands gewählt.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert »