Sie sei freundlich und zuvorkommend, berichten ihre Gesprächspartner übereinstimmend. Sie sei ehrlich bemüht, dem Amt, das ihr der Zufall – oder war es ein Diktat der Frauenquote? – übertragen hat, keinen frühen Schaden zuzufügen. Sie sagt schöne Sätze wie "Kultur bedeutet Quelle der Inspiration" oder "Kunst und Kultur sind der Schatz des Landes", und ohne bösen Willen kann dagegen auch rein gar nichts eingewendet werden. Claudia Schmied ist die neue Fachkraft, auf die eine Bildungsbewegung, wie es die Sozialdemokratie traditionell sein will, ihr Vertrauen setzt.

Wenigstens dieses Wahlversprechen hat die SPÖ gehalten: Kultur wird nicht mehr zur "Chefsache", also zu einem Nebenaspekt des Kanzlerdaseins, verniedlicht, sondern die Belange von Bildung und Kultur werden wieder, wie in glanzvolleren Zeiten, in einem Ressort vereint. Da haben sich die Roten nicht über den Tisch ziehen lassen: Wir sind Kultur. Sapperlot!

Fast wäre dem neuen Bundeskanzler mit seiner Überraschungspersonalie auch ein kleiner Coup gelungen. Breites Wohlwollen, ganz im Unterschied zu seiner eigenen Amtsübernahme, empfing Frau Schmied in ihrer neuen Position. Artige Worte von allen, die demnächst vor ihrer Bürotür um finanzielle Zuwendungen Schlange stehen werden. Die kultivierte Finanzfachfrau sei zwar ein weithin unbeschriebenes Blatt, hieß es, doch aufgrund ihrer Karriere im Bankwesen geradezu prädestiniert für diesen Posten: Denn was benötige ein Kulturpolitiker heute dringender als die Fähigkeit zu rechnen.

Es ließe sich einwenden: Ideen, Überzeugungen, eine zumindest grobe Vorstellung davon, wie in der Gesellschaft eine möglichst breite Akzeptanz für die Beschäftigung mit intellektuellen Inhalten erzielt werden könnte. Sozialdemokratische Bankrotterklärungen besitzen neuerdings einen verächtlichen Unterton. Indem sie im letzten Augenblick die große Unbekannte aus dem Hut zauberte, signalisierte die SPÖ nicht nur ihre Absichtslosigkeit, sondern zugleich ihre Gleichgültigkeit. Wozu eine Persönlichkeit, welche die kultur- und bildungspolitischen Ideen der Partei verkörpern könnte? Es verbesserte auch nicht den Anschein, als Frau Schmied beteuerte, sie hätte ebenso das Finanzressort sofort angenommen, wäre es ihr angeboten worden.

Konservative wissen, dass kulturelle Energien den Wohlstand sichern

Bildung und Kultur, und zwar in einem kausalen Funktionszusammenhang, zählten einmal zu der sozialdemokratischen Kernkompetenz, von der sich die Partei in der Ära der Nadelstreifen-Sozis Schritt um Schritt verabschiedeten. Wurde zuvor von einer "Umverteilung immaterieller Güter" gesprochen, wurde Kulturpolitik "als sinnvolle Fortsetzung, als Weiterentwicklung von Sozialpolitik" definiert, deren Aufgabe in einer "Humanisierung der Gesellschaft" (alles Zitate aus der Regierungszeit von Bruno Kreisky) liege, so entdeckten die Generationen roter Aufsteiger in späteren Jahren rasch den persönlichen Vorzug, den ihnen der traditionelle Kulturbetrieb bot: eine Bühne zur Selbstdarstellung, auf der sie gönnerhaft ihre Günstlinge um sich scharten. Es machte in der Folge keinen nennenswerten Unterschied mehr, welcher der beiden großen politischen Kräfte die kulturelle Bildung überantwortet wurde. Sie diente, so der ausgeschiedene Kunst-Staatssekretär Franz Morak, als "Wirtschaftsfaktor ersten Ranges", wenngleich vornehmlich in der Ökonomie der Aufmerksamkeit – jener, die den unterschiedlichen kulturpolitischen Gallionsfiguren zugute kam. Dass Bildung zur Teilnahme am kulturellen Geschehen führen und somit zum Motor gesellschaftlicher Entwicklung werden könnte, ignorieren Sozis ebenso hartnäckig wie Konservative.