Ihr Name ist so simpel wie trügerisch. Ob Twin-Wins von der Deutschen Bank, Dax-Express-Shorts von ABN Amro oder Zenit-Zertifikate von HSBC Trinkaus ("Immer an der Spitze bleiben"): Zertifikate wie diese gelten als Allheilmittel für renditeschwache Portfolios von Privatanlegern. Doch hinter den einfachen Bezeichnungen stecken hochkomplexe Finanzprodukte. "Kein Mensch kann das mehr nachvollziehen. Hauptsache, es klingt cool", sagt Uwe Wystup, Professor der Frankfurt School of Finance & Management. Kaum ein Produkt gleicht dem anderen. Und obwohl mehr als 140000 Zertifikate an der Börse Stuttgart gelistet sind, hat das Marktgeschehen dort keinen Einfluss auf den Preis. Im Prinzip legen ihn die Banken selbst fest.

Ein neues Mercedes-Modell ohne Angaben zum Benzinverbrauch würde zum Ladenhüter verkommen. Bei Zertifikaten ist das anders. Mehr als 100 Milliarden Euro haben Bundesbürger und Unternehmen seit dem letzten Börsencrash in diese Finanzprodukte gesteckt. Damit können Anleger sogar bei leicht fallenden Aktienkursen von der Marktentwicklung profitieren – oder auf die Entwicklung von Rohstoffen wie den Ölpreis wetten. Was Zertifikate für Privatanleger, sind Optionen für Profis. Unter dem Fachbegriff Derivate lassen sich beide Finanzprodukte zusammenfassen.

Mit Optionen schützt sich die Münchener Rück vor Wetterrisiken und VW gegen den schwachen US-Dollar. Weltweit stehen derzeit Derivate in einem Umfang von 370 Billionen Dollar aus. Das bedeutet eine Vervierfachung allein in diesem Jahrzehnt. Und eine Erfolgsstory für die Banken.

Bis in die 1970er Jahre galt das Geschäft als unreguliert und undurchschaubar. Wer etwa eine Option kauft, der hat das Recht, ein Wertpapier oder ein Produkt in der Zukunft zu einem vorab vereinbarten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. So sichern sich Unternehmen zum Beispiel das Recht, eine Million US-Dollar in einem Jahr zum festen Kurs von 80 Cent je Dollar zu kaufen. Steigt dann der Dollarkurs auf ein Verhältnis von 1:1, dann löst das Unternehmen die Option ein und tauscht zu 80 Cent je Dollar. Für diese Versicherung zahlt das Unternehmen einen Preis, die Optionsprämie. Risikominderung war lange das Hauptmotiv für den Handel, der weitgehend an der Börse vorbeilief. Der Versicherungsaspekt für reale Güter stand im Vordergrund.

Die Revolution durch Fischer Black und Myron Scholes änderte das. Sie waren Mitarbeiter von Paul Samuelsons Lehrstuhl am Massachusetts Institute of Technology und veröffentlichten 1973 im Journal of Political Economy den Beitrag The Pricing of Options and Corporate Liabilities. Dank des mathematischen Inputs von Robert C. Merton lieferte das Duo eine Formel zur Berechnung von Optionspreisen und machte die komplexen Finanzprodukte damit handelbar für jedermann. Die Black-Scholes-Formel war schnell akzeptiert, auch weil sie erlaubte, ein Preisschild an die Optionen zu hängen.

Heute sind viele Preisschilder falsch. "Sobald die Banken von einfachen Optionsgeschäften abweichen, werden die Produkte komplizierter. Dann müssen Korrekturen am Black-Scholes-Preis vorgenommen werden", sagt Manuel Ammann, Finance-Professor an der Schweizer Universität St. Gallen. Der von Black und Scholes als fair errechnete Wert wird verfälscht. Fair bedeutet: Es gibt keine Möglichkeit, sichere Gewinne ohne Aufwand oder Kosten zu erzielen. Man nennt das Arbitragefreiheit – oder einfacher: Ein Anleger bekommt nichts geschenkt. Diese simple Annahme ist das Fundament für die Überlegungen der beiden Samuelson-Schüler.