Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert war der erste demokratisch gewählte Reichspräsident der Weimarer Republik. Umso erstaunlicher ist es, dass erst jetzt ein Historiker Eberts Leben und Werk in einer umfangreichen Arbeit zu würdigen versucht. Die Vernichtung seines Nachlasses bei einem Bombenangriff auf Berlin 1943 reicht als Erklärung dafür nicht aus. Auch das zeitweilig distanzierte Verhältnis von Teilen seiner eigenen Partei zu ihrem wichtigsten Repräsentanten dürfte eine Rolle gespielt haben. Hinzu kommt die teilweise harsche Kritik vieler Historiker und Linksintellektueller: Die DDR-Geschichtswissenschaft zieh Ebert offen des »Verrats«, aber auch zahlreiche bundesdeutsche Historiker haben bei der Suche nach den Ursachen für die »deutsche Katastrophe« Ebert vorgeworfen, subjektiv zwar das Beste gewollt, objektiv jedoch die vorhandenen Spielräume nicht genutzt zu haben. Sebastian Haffner, einer der wortgewaltigsten Publizisten, hat im Januar 1979, 60 Jahre nach dem blutig niedergeschlagenen »Spartakusaufstand«, noch einmal betont, dass die SPD unter Eberts Führung 1918 die Chance zu weitreichenden Reformen »für immer« verspielt habe, »als sie die Revolution, statt sie zu nutzen, unterdrückte – ›verriet‹«.

Beseelt vom Glauben an die Reformfähigkeit der Gesellschaft

Vor diesem Hintergrund ist es von Vorteil, dass sich mit Walter Mühlhausen, Mitarbeiter der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg, der Vertreter einer jüngeren Generation der schwierigen Aufgabe gestellt hat, eine umfassende Biografie Eberts zu schreiben. Wie sieht er den ersten Reichspräsidenten, und ist es ihm gelungen, dessen Leben angemessen zu beschreiben und zu beurteilen?

Für Mühlhausen war Ebert »ein deutscher Staatsmann«, der dem vom Heidelberger Verfassungsrechtler Gerhard Anschütz beschriebenen Idealtypus sehr nahe gekommen sei, nicht »Volk und Parlament zu folgen, sondern […] beide zu führen«. Angetrieben von einem »hohen Maß an Verantwortungs- und Pflichtgefühl«, sei es Ebert stets darum gegangen, die Arbeiterbewegung mit dem demokratischen Bürgertum dauerhaft zu versöhnen. Daher habe er sich nie in »die Rolle des Großvaters im Lehnstuhl« drängen lassen, sondern seine Vollmachten voll ausgeschöpft, sich aktiv an der Regierungspolitik beteiligt, diese im Krisenfall zu steuern beziehungsweise die Parteien im Interesse des Ganzen zu Kompromissen zu bewegen versucht.

Geradezu »beseelt von dem Glauben an die Reform und geprägt von demokratischer Grundüberzeugung«, habe er daher in der Revolution von 1918 wie auch in späteren Konfliktsituationen gar nicht anders handeln können. »Für den demokratischen Reformpolitiker Ebert«, der sich selbst in seiner Antrittsrede als Reichspräsident 1919 als »Beauftragter des ganzen deutschen Volkes und nicht als Vertreter einer Partei« bezeichnete, habe es nur eine »sukzessive Ausgestaltung der Republik über das Parlament« gegeben. Diese Überzeugung und die daraus abgeleitete Politik hätten »Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen« nicht ausgeschlossen, seien aber konsequent und in vielen Bereichen auch erfolgreich gewesen. Ebert habe damit keineswegs der Republik »ihr frühzeitiges Ende« in die Wiege gelegt, sondern dadurch habe diese »erst die Chance zum Leben erhalten«.