Was haben der Geschlechtsverkehr, die Hegelsche Dialektik und das homosexuelle Begehren gemeinsam?

Mit logischen Ableitungen wird man hier nicht weiterkommen, dazu bedarf es eines Querdenkens, wie es der vor zwei Jahren verstorbene französische Philosoph Jacques Derrida auf exemplarische Weise vorgeführt hat. Weithin bekannt wurde Derrida in den vergangenen Jahren durch sein engagiertes ethisch-politisches Eintreten für die Menschen- und Gastrechte der Immigranten, für die Freiheit universitärer Forschung und Lehre oder gegen die Ideologie des Schurkenstaats. Anfänglich aber galt Derrida als typischer Vertreter des sogenannten Poststrukturalismus, einer von Paris ausgehenden Nach-68er-Gegenbewegung zu den traditionellen Humanwissenschaften, die sich vor allem durch ihr respektloses Ignorieren aller disziplinären Grenzen auszeichnete.

Nun liegt mit Glas die deutsche Übersetzung des Werks vor, das viele neben der Grammatologie für das zweite Hauptwerk dieser Epoche halten. Ging es in der Grammatologie um die Abrechnung mit der Zeichentheorie Ferdinand de Saussures, so kommt im zweiten Werk, ursprünglich 1974 erschienen, die Philosophie in Gestalt des Meisterdenkers Hegel dran. Sie wird dekonstruiert, das heißt auf eine unbewusste Infrastruktur zurückgeführt, in der das verdrängte und verfremdete Begehren sich noch einer frechen Lebendigkeit erfreut. Es findet aber Ausdruck in poetischen Texten, und so setzte Derrida seiner Hegel-Lektüre eine solche des poetischen Werkes von Jean Genet gegenüber, dem als Dieb Verurteilten, der im Gefängnis Meisterwerke der Beschreibung männlicher Schönheit und der Passionen des homosexuellen Verlangens schuf.

Bibliothek und Händler streiten, ob dem Buch Seiten fehlen

Wer mit neueren Arbeiten Derridas zur Ethik der Gabe oder Politik der Freundschaft vertraut ist, mag bei der Wiederentdeckung dieses Produktes aus der wilden Zeit des Denkers irritiert sein. In den siebziger Jahren erfüllte Derrida eine überschäumende stilistische Experimentierfreudigkeit, die konsequent die radikale Kritik des traditionellen philosophischen Diskurses auch auf der Ebene der Artikulation umzusetzen suchte.