reunde hatten uns gewarnt: Wenn ihr in diesen Teil der Stadt zieht, bekommt ihr ein Problem mit den Schulen. Unser Viertel ist recht gemischt. Wenn wir vorn aus der Tür gehen, sehen wir die glitzernden Türme des neuen Berlins. Hinten raus stößt man an einen Kiez mit schwierigen sozialen Verhältnissen. Dort liegt die Schule, auf die Johanna gehen sollte. Diese Schule ist nicht schlecht, im Gegenteil, die Lehrer geben sich große Mühe. Sie setzen stark auf Musik. Jedes Kind hat die Chance, ein Instrument zu lernen. Zweimal habe ich mir eine Aufführung angeschaut und war beeindruckt. BILD

Bei einem Migrantenanteil von fast 90 Prozent wollten wir unsere Tochter trotzdem nicht auf diese Schule schicken. Dabei stand nicht die Angst im Vordergrund, dass Johanna dort zu wenig lernt. Ausschlaggebend war die Erfahrung eines Kindes aus unserem Haus. Das Mädchen fand einfach keine Freunde. Was das ausmacht, merkte ich, als die Nachbarstochter später auf eine Schule wechselte, wo sie besser Anschluss fand. Sie erschien mir wie ausgewechselt, sie blühte richtig auf.

Zudem gefiel uns das Rollenbild nicht, das Johanna dort von ihren Mitschülern mitbekommen könnte. Die meisten von ihnen sind Muslime, und in deren Kultur haben sich Mädchen oft anders zu verhalten als bei uns. Sich etwa einfach bei einer deutschen Freundin zu Hause zu treffen, ist in vielen muslimischen Familien nicht üblich.

Wir haben deshalb kurz überlegt umzuziehen. In irgendeinen bürgerlichen Stadtteil, in dem die soziale Zusammensetzung in den Schulen ausgewogener ist. Aber das hieße, Johannas jüngeren Bruder aus der Kita herauszureißen. Die Kinder müssten neue Freunde finden und wir eine Wohnung, die genau im Einzugsgebiet einer Schule liegt, die uns gefällt. Denn wenn man schon wegen der Bildung umzieht, schaut man ja noch genauer hin. Das hätte ein ewiges Suchen ausgelöst. Auch die Möglichkeit, die Kinder unter einer anderen Adresse anzumelden, haben wir schnell verworfen. Wir fänden es seltsam, wenn unsere Töchter an einem anderen Ort wohnen als wir, und sei es nur pro forma. Zuerst haben wir also versucht, Johanna an einer Nachbarschule anzumelden. Doch da hieß es schnell, alle Plätze seien vergeben. Wir waren frustriert. Warum nehmen sie gerade uns nicht? Geht das alles mit rechten Dingen zu? Man macht sich seltsame Gedanken.

Am Ende entschieden wir uns für eine konfessionelle Schule, die ungefähr zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt liegt. Es ist keine Eliteanstalt, sondern eine normale Schule, wo nur etwas stärker auf Regeln und Leistung geachtet wird. Es gibt dort Mädchen und Jungen aus Polen, Lateinamerika und Afrika. Das gefällt uns durchaus. Unsere Tochter soll schließlich nicht in einer Märchenwelt aufwachsen.

Auch dort mussten wir uns bewerben. Erst gab es ein Gespräch mit dem Schulleiter. Dann wurde Johanna zu einem Spielnachmittag eingeladen, bei dem die Lehrer die Kinder beobachteten. Ich dachte, Johanna hätte nicht gemerkt, worum es ging. Als dann jedoch die Zusage kam, sagte sie: »Dann habe ich das ja gut gemacht.«

Ich frage mich, warum die Suche nach einer geeigneten Grundschule so schwer sein muss. Von den Behörden kommt keine Hilfe, und für die Erzieherinnen in der Kita ist Schule kein Thema. Uns hat das Problem lange in Unruhe versetzt. Nach einem halben Jahr sind wir nun recht zufrieden mit unserer Entscheidung. Unsere Tochter geht gern zur Schule. Übrigens betet sie jetzt manchmal abends und möchte nun auch getauft werden.

Die Mutter möchte anonym bleiben. Protokolle: Martin Spiewak

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