Edgar Selge sagte einmal in einem Interview: »Ich bin Schauspieler und bleibe es, sogar wenn ich schlafe: Ich lüge noch beim Schlafen.« Freilich ist jeder Schauspieler ein Lügner, jemand, der es zu seinem Beruf gemacht hat, sich zu verstellen, sich in andere Charaktere hineinzuversetzen. Doch Schauspieler stellen nur besonders markant heraus, dass wir uns alle inszenieren, uns inszenieren müssen, um Wünsche, Gedanken, Sehnsüchte auszudrücken.

Wir brauchen dafür den Körper, brauchen die Sprache; fragile Werkzeuge, die anzeigen, dass ein Riss, seitdem wir auf der Welt sind, in uns ist, dass wir gespalten sind in ein geistiges Innen und ein körperliches Außen, dass wir authentisch sein wollen und bestenfalls so wirken. Der Beruf des Schauspielers war über Jahrhunderte hinweg auch deshalb so anrüchig, da der Mime unser aller Lügen vorführt, die Welt, in der wir leben, als Welttheater offenbart.

»Angst ist ein Gefühl, das ich ganz gut abrufen kann«

Selge lüge selbst dann noch, wenn er schlafe. Keine gute Voraussetzung für eine Begegnung, denkt man kurz, vor seinem Haus in München-Gern auf ihn wartend. Man möchte schließlich erfahren, weshalb er jene Rolle aufgibt, die ihn am meisten berühmt gemacht hat, die Rolle des Kommissars Tauber. Seit acht Jahren spielt Selge in den bayerischen Folgen der Serie Polizeiruf 110 einen einsamen, störrischen, launischen Kommissar. Tauber ist ein Außenseiter, ein Ermittler mit nur einem Arm, ein Behinderter, der seine Kollegin Jo Obermaier durch egozentrische Alleingänge zur Verzweiflung bringt, der seine körperlichen Gebrechen mit Arbeit kompensiert. Ein Mensch, der jedes Gefühl sorgsam verbirgt, wären da nicht Gesten, die ihn verraten, wäre da nicht die Faust (die eine, die ihm noch bleibt), die er auf den Tisch knallt, wenn die Ermittlungen stocken, oder dieser starre Blick aus tief liegenden, unfassbar blauen Augen, wenn ein Fall ihn peinigt. So eindringlich spielt Selge den unnahbaren Tauber, dass bei diesen preisgekrönten Krimis die eigentliche Handlung in den Hintergrund, der Mordfall ins Abseits gerät.

Wie am kommenden Sonntag, wenn die Folge Taubers Angst gezeigt wird: Tauber provoziert bei einem Verhör einen Angeklagten, der ihn daraufhin würgt. Und damit ein Trauma erweckt, das sich nicht mehr unterdrücken lässt, die Erinnerung Taubers nämlich daran, dass ihm einst bei einem Polizeieinsatz der Arm abgehackt wurde. Der Krimi wird über weite Strecken um die Angst des Kommissars kreisen. Bevor er in einen dumpfen Schlaf fällt, trinkt Tauber unzählige Whiskeys in seinem Wohnzimmer, durchsucht seine Wohnung, panisch erregt. Doch da lauert kein Mörder, niemand, der ihn erstechen, erschießen, würgen will. Niemand ist da, doch die Angst bleibt.

Es gibt zwei Arten von Angst: Angst, die einer unmittelbaren Bedrohung folgt, Angst vor Klauen, die einen würgen könnten, vor der Pistole, die einem auf die Brust gerichtet ist. Und es gibt die Angst, die einen völlig umspannt, losgelöst vom äußeren Anlass sich ausbreitet, existenziell ist. Von dieser Angst, nahe dem Wahn, erzählt der unter der Regie von Klaus Krämer entstandene Polizeiruf. Es ist einer von fünf, in denen Selge noch auftreten wird.