Gleichgültig, was geschieht und wie es ausgeht, wenn so etwas überhaupt »ausgehen« kann: Der Krieg im Irak ist für die amerikanische Gesellschaft und für ihre Bestimmung in der Welt ein Desaster. Und ein Desaster ist, was er hinterlassen wird. Doch anders als im Fall von Vietnam ist die Folge nicht ein scharfer Bruch der Kulturen, Generationen und politischen Lager, sondern vielmehr eine allgemeine Stimmung von Skepsis und Selbstbesinnung. Nicht der Zorn, sondern die Trauer überwiegt. Wie die »Vietnamisierung« des amerikanischen Kinos in den siebziger Jahren einen Sturm der blutigen, schmutzigen und zerrissenen Bilder hervorbrachte, so bringt die »Irakisierung« Bilder der Lähmung, der Ohnmacht und der Folter hervor, im Kriegs- wie im Horrorfilm, im Blockbuster wie im Trash-Movie – Fremdheit. Eine Szene aus Eastwoods » Letters from Iwo Jima«. Die Verbrechen, die man dem Feind unterstellte, hat man selbst begangen BILD

Aber noch etwas anderes geschieht. Das amerikanische Kino reflektiert nicht nur die drückende Gegenwärtigkeit eines Krieges in der Fremde; wir sehen auch ein Kino der historisch-politischen Reflexion entstehen, eine filmische Suche nach den Ursachen der Schmerzen. Dem »vietnamisierten« Kino ging es darum, die amerikanischen Mythen in die Luft zu sprengen oder in den Staub zu werfen (nachzuprüfen übrigens an den Filmen von Arthur Penn, dem die Berlinale ihre Hommage widmet). Dem »irakisierten« Kino dagegen geht es darum, hinter die Oberfläche der Mythen zu sehen, die Täuschungen zu durchdringen, um dahinter Menschen und Verhältnisse sichtbar zu machen. Das Desaster der Gegenwart ist nur zu überwinden, wenn in einem Prozess der ehrlichen Selbstbefragung die Geschichte des Landes neu geschrieben wird. Im Kino zuerst – das versteht sich in einer visuell geprägten Kultur.

Die Paranoia des Kampfes siegt über alle guten Absichten

Drei Filme dieser historischen Dekonstruktion sind im Wettbewerb der Berlinale zu sehen. Sie sind sehr unterschiedlich in ihrem künstlerischen Temperament. Aber sie zeigen auch überraschende Übereinstimmungen: Vielleicht sind es ja wirklich nicht nur einzelne Filme, sondern Beispiele eines neuen amerikanischen Kinos, das die Welt nicht mehr überwältigen, sondern verstehen will. The Good Shepherd von Robert De Niro erzählt von der Entstehung des amerikanischen Geheimdienstes CIA am Ende des Zweiten Weltkrieges und während des Kalten Krieges. Sein Protagonist, der von Matt Damon verkörperte Edward Bell Wilson, hat sein Vorbild in James Jesus Angelton, der die CIA-Spionageabwehr von 1954 bis 1974 leitete. Aber mehr noch stellt er einen amerikanischen Archetypus dar: Im Zentrum der informellen Staatsmacht steht ein farbloser Durchschnittsmensch, der versucht, nützlich und ein »guter Amerikaner« zu sein – und bei diesem Versuch ein wahres Monster wird.

Die Handlung springt hin und her zwischen der Gründerzeit der CIA, der Agententätigkeit im Kalten Krieg, der desaströsen Invasion in der Schweinebucht 1961 und der Konsolidierung eines Staates im Staat mit 29000 offiziellen Mitarbeitern. Sie mäandert zwischen Einsätzen, Büroarbeit und Privatleben, was bei aller Anstrengung Wilsons nicht voneinander zu trennen ist, sondern sich zunehmend katastrophal verflechten muss. Wie auch Clint Eastwoods Flags of Our Fathers verweigert der Film die Sinnstiftung einer linearen Erzählung, und um eine simple Fehlersuche in der Geschichte geht es auch nicht. Aber durch die historischen Distanzierungen erhalten die Bilder ihr Bewusstsein: Immer sieht man die Bilder einer Zeit mit dem Wissen einer anderen. Der rote Faden der Handlung ist der Verlust des Vertrauens. Am Ende kann niemand mehr irgendjemandem trauen.

The Good German von Steven Soderbergh führt ins besetzte Berlin des Jahres 1945. Jake Geismer (George Clooney) kommt als Kriegskorrespondent, desillusioniert und verbittert wie viele seiner Generation nach den Erfahrungen des Krieges, um über die bevorstehende Friedenskonferenz von Potsdam zu berichten, wo ein neues demokratisches Europa aus den Trümmern gebildet werden soll und in Wahrheit die Welt als Beute verteilt wird. Aber Jake ist auch in eigener Sache unterwegs; vor dem Krieg hat er hier ein Nachrichtenbüro geleitet und war in Lena (Cate Blanchett) verliebt. Sein Fahrer, Corporal Tully (Tobey Maguire), äußerlich der typische naive Junge aus dem mittleren Westen, ist in Wahrheit in schmutzige Geschäfte mit allen Seiten verwickelt. Er ist der Mensch, der im Krieg zum Kriminellen geworden ist; eine erschreckende Figur. Tullys Freundin ist ausgerechnet Lena Brandt, die Frau, die Jake einst geliebt hat und die nun hofft, mit Hilfe Tullys aus Berlin herauszukommen. Tullys neuer Deal aber ist eine Nummer zu groß: Mit 10000 Mark und einer Kugel im Kopf wird er in der russischen Zone aus dem Wasser gefischt.