Muss man sehen, was zu hören ist? Die aufgeblähten Froschbacken des Jazztrompeters Dizzy Gillespie, die gefletschten weißen Zähne des Schlagzeugers Art Blakey oder das schiefe, gefährliche Lächeln des jungen Bassisten Ray Brown, das so gar nicht zu seinem späteren Elder-Statesman-Image passt? Dem einen sind dies zusätzliche visuelle Synkopen, dem anderen ist es eine Erinnerung, dem Dritten eine Offenbarung: der Genius in Schwarz-Weiß, von den Toten auferstanden.

"Es ist, als stünde er nackt auf der Bühne", hieß es einmal von John Coltrane, "die Musik kommt direkt aus dem Mann, nicht aus dem Instrument." Einmal muss man den Musiker gesehen haben, dann darf man hören.

Jazz Icons nennt sich eine Reihe, die mit neun DVDs Geschichte in Filme verwandelt, die beweist, was die Veteranen ihren Söhnen und Enkeln aus jenen Zeiten erzählen. Wie Louis Armstrong dieses einsame Mikrofon in der Mitte der Bühne einfach ignoriert und seinen klaren Ton links und rechts vorbei in den Äther schickt. Wie Ella Fitzgerald mit ihrem Strahlen und ihrer Energie alle stilistischen Bedenken wegsingt und mit jeder Faser ihrer unglaublichen Gewänder pure Musik verströmt. Wie der Trompeter Chet Baker als sein eigenes Zitat versunken auf dem Stuhl sitzt und mit erfundenen Melodien den Tod aufs Neue überlistet. Oder wie der Pianist Thelonious Monk sich vom Klavier erhebt, den Saxofonisten umschleicht, sich tanzbärengleich im Kreise dreht und mit dem rechten angewinkelten Arm den Rhythmus quetscht.

Alte Geschichten, und doch sind sie jetzt dokumentiert, in Konzertaufnahmen aus den fünfziger und sechziger Jahren, aufgenommen in Belgien und Skandinavien, im Studio mit Publikum oder meist auf jenen Bühnen, die für Sinfonieorchester gedacht amerikanische Jazz-Combos so verloren präsentierten. Zu Gast im europäischen Exil, erfasst von zwei, höchstens drei Kameras: eine Kamera zentral im Publikum, eine auf der Empore und die dritte an der Bühne. Keine Steadycam, keine Kameramänner, die unter den Flügel kriechen, um besonders Dekoratives zu finden und sich vor die Musik zu schieben.

Welche Erholung, den Musikern bei der Arbeit zusehen zu dürfen, ohne Schminke-Zoom oder Spiegeleffekte, die der Musik Tiefe verleihen sollen. Die sichtbare Armut der Technik wird zum Segen für die Ästhetik